Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.08.2008

69_Eine brandheiße Hochzeit

Wir saßen im Garten von Freunden, die wir lange nicht besucht hatten. Nebenan war inzwischen gebaut worden, und zwar scheußlich, wenn ich das mal sagen darf. Im Augenblick wird überall Zeugs hingestellt, über das man sich in spätestens zwanzig Jahren schief lacht. Der so genannte mediterrane Stil erfasst gestaltungswütige Architekten, die jetzt gerne mit funktionslosen Säulen und ausdrucksstarken Fassadenfarben arbeiten und auf diese Weise selbst in Buckow, Brakel und Butzbach das Gefühl erzeugen, ganzjährig in einer spanischen Feriensiedlung zu leben. So eine schwammtupftechnisch aprikosenhafte Bude steht nun also seit kurzem in direkter Nachbarschaft zu unseren Freunden, die am liebsten ständig eine Sonnenbrille tragen würden, auch nachts. Oder gleich eine Tüte über dem Kopf. Man kann sich gut vorstellen, dass die weitgehend aus Zähnen bestehende CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer genau so wohnt. Pfiffig halt. Die Abrissbirnen schaukeln aus lauter Vorfreude.
Manchmal grillen die neuen Nachbarn mit ihrem vierrädrigen Gasdings und vor kurzem haben sie geheiratet. Das war an dem Tag, an dem wir nebenan den Weltuntergang herbei sehnten. Die Leute verbanden ihre Hochzeit mit einem Housewarming, zu dem Freunde und Verwandte aus ganz Deutschland herbei geeilt kamen, um auf dem frisch gesäten Rasen Bellini zu trinken und von der mutigen Architektur des Eigenheims zu schwärmen.
Dann wurden Reden gehalten, wir erfuhren einiges über Tobias und Susanne von nebenan. Dass der Tobias beispielsweise ein ausgezeichneter Risiko-Mathematiker und Trompeter sei, was er höchstpersönlich mit einem Ständchen für die Susanne unterstrich. Er blies ihr „La Montanara,“ was aufgrund seiner Trunkenheit eine ganz eigene Melancholie entfaltete. Dann wurde ein dicker Ast zersägt und Tobias schleppte seine Susanne durch ein herzförmig ausgeschnittenes Bettlaken. Anschließend wieder eine Rede, Musik, eine Rede und gegen 23 Uhr ein kurzes Feuerwerk mit von Tobias seit Sylvester zurückgehaltenen Sprühböllern und Raketen. Eine schlug auf dem Rückweg vom Himmel in Susannes Goldfischteich ein und forderte ein sentimental im Todeskampf gegen die Partymusik anquakendes Opfer.
Wir ließen unsere Freunde zurück und fuhren nach Hause. In dieser Nacht hatte ich einen Alptraum. Ich stand mit den anderen Gästen von Tobias und Susanne auf der Marbella-Terrasse ihres Eigenheims und trank Bellini, als der Vater des Bräutigams das Wort ergriff: „Liebe Gäste, liebe Susanne, mein lieber Sohn. Ich stehe hier und kann nicht anders, denn einer muss es mal sagen und das steht mir, dem Vater, zu. Jedenfalls: Ich finde, lieber Tobi, für einen Bettnässer hast Du Dich erstaunlich gemacht. Nein, kein Applaus jetzt! Wenn jemand es schafft, trotz seiner für Alle sichtbaren Unzulänglichkeiten überhaupt eine Frau zu finden, dann ist das alle Ehren wert. Jetzt könnt Ihr klatschen. Dankeschön. Gut, die Susanne, naja, die ist jetzt nicht, wie soll ich sagen, für einen normalen Mann geeignet. Aber zu Dir passt sie wie die Fliege auf die Frikadelle. Ich finde es gut, dass Ihr den Mut hattet, über diese Agentur in Kontakt zu treten. Und dass Du beim ersten Treffen so viel getrunken hast, das kann jeder verstehen, aber am Ende hat Dir die Susanne gefallen und das ist die Hauptsache. Und da muss ich jetzt mal sagen: Die Susanne hat sich Dich nicht schön getrunken. Die hat Dich von Anfang an gemocht. Das macht uns sehr glücklich, die Mama und mich, denn wir haben immer gedacht, der Tobi sitzt für ewig bei uns unterm Weihnachtsbaum. Aber nun könnt Ihr Euch einen eigenen Weihnachtsbaum kaufen und dafür danken wir Dir, Susanne. Und eines noch zum Schluss: Wir möchten, wenn es geht, bitte keine Enkelkinder. Nochmal das ganze Elend unseres Sohnes zu durchleben, das wäre wirklich zu viel verlangt für die Mama und mich.“
Der Vater hob sein Glas und wollte noch etwas hinzufügen, aber Tobias warf den Gasgrill durch die Terrassentür. Die Vorhänge fingen Feuer und die ganze Bude brannte bald lichterloh. Ein im Traum augenblicklich angerückter Trupp der Feuerwehr löschte jedoch nicht, sondern stand nur daneben und trank Prosecco aus der Flasche. Auch wenn ich dies als Pflichtverletzung empfand, sagte ich nichts, stand nur dabei und sah in die gloderne Lut, wie Edmund Stoiber vielleicht gesagt hätte, wenn er dabei gewesen wäre. War er aber nicht