Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.08.2008

70_Pubertät im Anzug

Es naht der Zeitpunkt, da unsere Tochter in die Pubertät kommt. Carla ist neun und ich werde noch zwei Mal wach, dann ist sie vierzehn. Manchmal graut mir davor. Ich fürchte mich vor den Auseinandersetzungen. Als Eltern kann man dabei nur verlieren. Freunde machen diese Phase gerade durch, grauenhaft. Es ist bei ihren Nachkommen eine erschreckende Mutation zu beobachten. Kinder, die Du als liebenswürdige Geschöpfe voller Anmut und Charme in Erinnerung hattest, verwandeln sich innerhalb weniger Monate in stinkende Monster (Jungs) oder hysterische Amazonen (Mädchen). Wenn die Familie viel Glück hat, verlassen die Jugendlichen diese Danger Zone der Eiterpickel und befleckten Unterwäsche als lebenstüchtige Erwachsene. Einige jedoch verbleiben für immer im Schattenreich der Adoleszenz, machen aber dennoch Karriere. Seltsame Welt.
Zurück zu unseren armen Freunden, die immer sehr auf ein partnerschaftliches Verhältnis zu ihren Kindern bauten. Die Gespräche, eigentlich sind es Gebrülle, haben bei ihnen herrliche Themen wie Hygiene, Drogen, Umgangsformen, Ernährung und Faulheit. Ob das bei uns auch einmal so kommt? Wer weiß. Vielleicht stehe ich eines Tages bei meiner Tochter in der Tür und sage lauter Dinge, die zu sagen ich immer spießig fand und nie vorhatte. Zum Beispiel: „Ich kann nicht ertragen, wie Du Deine Zeit sinnlos verplemperst.“ Oder: „Räum endlich diesen Saustall auf.“ Man sollte meinen, dass beide Angelegenheiten in das Selbstbestimmungsrecht der Kinder fallen und die Eltern nichts angehen.
Stimmt aber nicht, denn erstens könnte man ja gemeinsam die Zeit sinnlos verplempern und zweitens verbergen sich tief unter den Müll– und Klamottenbergen eines Jugendlichen immer irgendwelche Gegenstände, die man schon lange sucht. Zum Beispiel Kombizange, Frischhaltefolie und Bimsstein. Auf die Frage, was diese Dinge im Zimmer der Tochter zu suchen haben, erhält man ganz sicher die Chance zu einer ausgiebigen Kontroverse.
Das ist aber nicht das Schlimmste, was uns blüht. Ich fürchte die Verwahrlosung meiner Tochter weit weniger als ihre Partnerwahl.
Ganz sicher kommt es schon in wenigen Jahren zum ersten Besuch eines ersten Freundes. Ich werde die Haustür öffnen und eine Mischung aus 50 Cent und Catweazle wird vor mir stehen und fragen, ob Carla zuhause ist. Ich werde sagen: „Ja.“ Und dann wird er sich vorstellen. Das wird entsetzlich unangenehm, denn in Gedanken habe ich bereits einen Eignungstest ausgearbeitet. Er beinhaltet Fragen nach dem Beruf des Vaters, dessen politische Präferenzen und der Marke seines Autos. Aus seinen Angaben lässt sich schon allerhand ableiten, für den Fall einer zu planenden Hochzeit beispielsweise. Außerdem will ich wissen, woher der junge Mann (ich werde ihn monatelang in Claras Beisein immer nur „diesen jungen Mann“ nennen) meine Tochter kennt, ob er ein Instrument spielt, „in der Halle des Bergkönigs“ kitschig findet und was er von meiner Tochter will. Wenn er „in der Halle des Bergkönigs“ für ein Kapitel aus „Der Herr der Ringe“ hält und von meiner Tochter „gar nix“ will, kann er gleich wieder abzittern. Wenn er auf die letzte Frage antwortet, er wolle „fummeln,“ halte ich ihm einen dreißigminütigen Vortrag darüber, wie das in den achtziger Jahren war. Und wenn er dann immer noch nicht abhaut, darf er mit meiner Tochter ins Kino. Ich rufe während des Films acht Mal an, um zu fragen, ob sie noch dort sind. So stelle ich mir das vor.
Gestern Abend erzählte ich Clara von meinen Plänen. Ich sagte es im Spaß, natürlich.
„Soweit wird’s nicht kommen,“ sagte Clara und lächelte mich sphinxartig an.
„Warum?“
„Weil ich meine Freunde schlicht und einfach nicht mit nach Hause bringen werde.“
„Was soll das heißen?“
„Ich werde sie irgendwo treffen, aber ganz sicher nicht in Deiner Nähe.“
Und zack, hatte ich auch schon die erste winzig kleine Pubertätsdiskussion verloren. Ich denke mal, das war der Anfang vom Untergang des Abendlandes.