Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.08.2008

72_Artenschutz für die SPD

Man kann ja überhaupt nicht genug über den Artenschutz nachdenken. Zyniker halten dies natürlich mal wieder für Zeitverschwendung, denn wer sich nicht von alleine durchsetzen kann im Leben, der hat eben Pech gehabt. Das mag schon sein, Spezies kommen und gehen, auch wir Menschen werden womöglich in ein paar hunderttausend Jahren nicht mehr da oder zu riesigen Daumen mit Mündern und Augen mutiert sein.
Das Verschwinden unserer Art berührt mich jedenfalls, selbst wenn ich es nicht mehr erlebe und es fällt mir nicht schwer, dieses Mitgefühl auf bedrohte Tiere und Pflanzen auszudehnen. Auf den Bronzeröhrling zum Beispiel. Das ist der Pilz des Jahres und stark gefährdet. Wenn er einmal nicht mehr ist, dann fehlt uns mindestens sein schöner Name. Dies gilt auch für den Bitterling, welcher ebenfalls bedroht, eine Art Karpfen sowie der Fisch des Jahres ist. Das Mauseöhrchen firmiert als Weichtier des Jahres, der Wisent als Wildtier des Jahres und die SPD als Partei des Jahres: Akut vom Aussterben bedroht, in einigen Teilen Deutschlands schon vollständig verschwunden. Höchste Alarmstufe, jemand muss sich um diese Partei kümmern, und zwar schnell.
Zunächst einmal sollten wir uns klar machen, auf welch sonderbare Weise die SPD überhaupt in diese Schwierigkeiten geraten ist, nämlich keineswegs durch Überfischung oder Rodung oder großzügige Abschussquoten oder Borkenkäferbefall oder den Klimawandel, sondern durch sich selbst. So etwas kennt man aus der Tier– und Pflanzenwelt praktisch nicht, dass sich eine Art selber ausrottet, aber der SPD gelingt dies in einer erstaunlichen Geschwindigkeit.
Seit Jahren arbeitet die Sozialdemokratie emsig an ihrer eigenen Abschaffung, welche unter dem Vorsitz von Kurt Beck die größten Fortschritte macht. Kurt Beck ist – ähnlich wie das Mauseöhrchen – eine Art Weichtier, aber viel größer und vor allem lauter. Es ist ihm gelungen, dass einem die frühere Sympathie mit dieser Partei ein wenig peinlich berührt. Wird es demnach so allmählich Zeit, sich von der SPD zu verabschieden? Manchmal winke ich in Gedanken schon mit einer kleinen roten Fahne.
Als ich ein kleiner Junge war, da galt die SPD noch etwas. Da hieß der Kanzler Helmut Schmidt und ich dachte, ihm gehöre die SPD. Schmidt war sozusagen Chef von Deutschland, die SPD war seine Firma und der andere Chef von Deutschland hieß Helmut Schön. Bundestrainer und Bundeskanzler war für mich ungefähr dasselbe, außerdem verwechselte ich Helmut Schmidt manchmal mit Rudi Carrell, der genauso sozialdemokratisch aussah wie Schmidt.
In meiner Kindheit war alles irgendwie sozialdemokratisch, sogar das Wetter. Die CDU nahm ich als eichengetäfelten Mercedes mit Zigarrenantrieb wahr, sie gehörte in die Lebenswelt meines Opas und roch nach feuchter Pappe. Mein Vater erklärte mir, die CDU würde von den Bauern und den alten Leuten gewählt, die SPD von den Arbeitnehmern. Er selbst wählte die FDP des Schlagersängers Walter Scheel, dessen Frau Mildred aussah wie Tante Else.
Ich vertraute der SPD, jedenfalls bis ich in die Pubertät und damit in den luxuriösen Genuss kam, gegen alles Mögliche zu protestieren, zum Beispiel gegen den NATO-Doppelbeschluss.
Danach war die SPD noch einmal für kurze Zeit cool, das war vor ziemlich genau zehn Jahren. Aber damit ist es vorbei. Die Partei scheint nun im Wesentlichen aus quengelnden Männern mit Bierbäuchen zu bestehen, die gerne Lederwesten tragen, Dixieland-Frühschoppen in Fußgängerzonen veranstalten und dabei Pils trinken. Sie wird einfach aussterben, aber was soll’s, die ganze Menschheit wird aussterben, früher oder später.
Eines fernen Tages, wenn wir alle längst weg sind, landen Außerirdische auf der Erde. Sie werden durch Berlin wandern und dabei auch aufs Willy-Brandt-Haus stoßen. Sie werden staunend vor der Willy-Skulptur des Bildhauers Rainer Fetting stehen und dann sagt der eine Extraterrestrische zum Anderen: „Guck mal, ein Bronzeröhrling!“ Und der andere antwortet: „Echt? Ich dachte, der wäre schon 2012 ausgestorben.“ Die Außerirdischen werden den Bronze-Willy natürlich nicht pflücken, denn wenn man einen Bronzeröhrling findet, darf man ihn nicht einfach mitnehmen. Das ist verboten.•