Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 04.09.2008

73_Ich mache jetzt Schwedenkrimis

Als Autor ist man ständig auf der Suche nach neuen Themen. Man möchte ja gelesen werden. In diesem Zusammenhang muss man übrigens feststellen, dass nur eine Hälfte der Weltbevölkerung brav liest, nämlich die Frauen. Männer lesen meistens bloß Sachbücher über Erdwärme, Kataloge und Bedienungsanleitungen. Frauen hingegen lesen leidenschaftlich gerne und viel. Man sollte prinzipiell nur für Frauen schreiben. Stellt sich bloß die Frage: Was? Die Antwort ist ganz einfach, wenn man Frauen beobachtet: Die mögen am liebsten Serienmörder-Krimis aus der amerikanischen Pathologie-Szene – oder aus Skandinavien. Bei letzteren ist ihnen die Handlung egal, solange die Geschichte in Schweden spielt und die Männer dicke Pullover und Gummistiefel tragen.
Zurzeit liest Sara ein Buch mit dem bemerkenswerten Titel „Der Mann, der starb wie ein Lachs.“ Da merkt man gleich: Aha, der starb bestimmt in Skandinavien. Hieße das Buch „Der Mann, der starb wie ein Luchs,“ würde es vermutlich in den Karpaten spielen und schon wäre Sara das Schicksal des armen Mannes piepegal, selbst wenn der Rest des Buches genau derselbe wäre. Jedenfalls habe ich mir überlegt, ich schreibe jetzt auch Schwedenkrimis. Ich nenne mich Dag Svedson und mein mittelalter Kommissar heißt Per Rundkrag.
Dieser Rundkrag muss strafversetzt in einer Provinzstadt in Lappland Dienst schieben. Zu Beginn des ersten Rundkrag-Krimis mit dem Titel „Der kürzeste Tag“ bekommen alle den Blues, weil die Polarnacht beginnt. Rundkrag kaut ununterbrochen Lakritz, um sich das Rauchen abzugewöhnen und hat davon Sodbrennen und braune Zähne, was es seiner Assistentin Ingaborg leicht macht, seine plumpen Annäherungsversuche abzuweisen. So. Man kaut Lakritz und flirtet sich übellaunig durch die ersten dreihundert Seiten des Romans, bis eines Tages endlich der von der Leserin inzwischen dringend herbei gesehnte Tod nach Malmberget kommt und der harmlose, von allen geliebte Postbote Gammal mit einem riesigen Angelhaken im Mund vor der Musikschule liegt. Die Briefe aus seiner Briefträgertasche sind um ihn herum angeordnet wie das Symbol auf der samischen Flagge. Hm! So etwas haben wir hier im melancholischen aber friedlichen Malmberget noch nie erlebt! Nur die steinalte Tante Ebba besteht darauf, dass genau so eine Leiche vor siebzig Jahren schon einmal vor der selben Schule lag, aber sie wird von ihrem Sohn, dem Akkordeonlehrer Lyder umgehend ins Heim abgeschoben und taucht erst 400 Seiten später zu ihrer eigenen Beerdigung wieder im Roman auf.
Dennoch hat irgendetwas die eingerosteten Instinkte von Kommissar Rundkrag zum Leben erweckt. Bevor dieser jedoch ermittlungsmäßig richtig in Fahrt kommt, muss er hundertachtzig Seiten lang Dillhappen aus dem Glas stochern und traurige Lieder in seinem dunklen Wohnzimmer anhören, damit wir ein Gefühl für den schwedischen Winter erhalten.
Dann geht es Schlag auf Schlag: Innerhalb von nur vierzig weiteren Seiten geschehen sechs weitere grauenvolle Morde mit samischen Symbolen und riesigen Angelhaken und Rundkrag ist sicher: Es handelt sich um Serienmorde, vermutlich verübt von einem Serienmörder, vielleicht einem alten Faschisten, der die Schuld auf separatistische Samen abwälzen wollte. Jeder ist also verdächtig.
Dann passiert erst einmal nichts, bis der Zufall eingreift und Rundkrag dankenswerterweise darauf aufmerksam macht, dass der Akkordeonlehrer für sein Leben gerne angelt und niemanden mag, der besser Akkordeon spielen kann als er. Und wer war Bezirksmeister in Ziehharmonika? Gammal, der Briefträger. Die anderen Opfer waren zudem Mitglieder des Akkordeon-Korps von Malmberget, welcher auf keiner Beerdigung fehlen darf, aber von Begräbnis zu Begräbnis immer dünner besetzt ist.
Es folgt ein irrwitziger Showdown am Tag der Wintersonnenwende – daher der Titel des Buches – und der mörderische Lehrer fällt in einen samische Speer im Naturkundemuseum. Kommissar Rundkrag hat den Fall gelöst und nimmt sich vor, weniger Lakritz zu naschen, wegen Ingaborg. Ob sie sich kriegen, erfahren die geneigten Leserinnen aber nicht. Dafür müssen sie sich die Fortsetzung kaufen: „Ein Köttbullar für Rundkrag.“ Geben Sie’s zu, liebe Damen, das wollen Sie unbedingt lesen, oder?