Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.09.2008

74_Racheengel Rüdiger

Heute Morgen bin ich mit dem verzweifelten Gedanken aufgewacht, viel zu wenig zu wissen, um mich in dieser Welt noch zurecht zu finden. Wie kann ich überleben, wenn ich nichts von Wärmedämmung, Aktiendepots und Halbleitern verstehe? Diese finsteren Überlegungen gehen einher mit der Furcht gesellschaftlich abgehängt zu werden. Und zwar ausgerechnet von den Eumeln, die ich vor 25 Jahren auf dem Schulhof für ihre hässlichen Brillen und dicken Pos verhöhnt habe: Computernerds. Jahaha, was haben wir gelacht über die bleichen Trottel mit ihren Casio-Uhren und uncoolen Schultaschen, die nach der sechsten Stunde mit dem gleichfalls bleichen und trotteligen Lehrer in einem fensterlosen Raum zur Computer-AG verschwanden. Wir anderen saßen auf dem Rasen und amüsierten uns mit den Mädchen sowie mit der Vorstellung, dass diese Grottenolme nachmittags vier Stunden bei strahlendem Sonnenschein damit verbrachten, grob gepixelte Autos unter Zuhilfenahme endloser Programmierzeilen zum Fahren zu bringen.
Kurz vor den Sommerferien präsentierte die Computer AG die Ergebnisse monatelanger Tüftelei und man stand ratlos vor grauen Monitoren mit sich darin ungelenk bewegenden Punktehaufen. Daneben stand der eitrig vor sich hin pickelnde Programmierer namens Rüdiger und er trug einen Kugelschreiber in der Brusttasche.
„Was bitte soll denn das sein?“ fragte ich Rüdiger.
„Das ist eine Prinzessin in den Händen eines Monsters,“ sagte Rüdiger, romantisiert errötend. Mir fehlte die Phantasie, Prinzessin und Monster zu erkennen. „Für mich sieht das aus wie ein zuckender Klumpen dicker Punkte. Wozu soll dieser Quatsch gut sein?“, fragte ich ihn.
Rüdiger sah mich mitleidig an und sagte: „Es ist dafür gut, die ganze Welt zu beherrschen.“ Da lachten meine Freunde und ich. Die Heiterkeit hielt noch an, als wir auf dem Fußballplatz Flanken droschen und uns Rüdiger als bebrillten Weltherrscher ohne Freundin vorstellten.
Inzwischen hat Rüdiger sein Ziel erreicht und ich bin ein ehrloser Sklave seiner digitalisierten Moderne: Rüdiger rules. Ich habe im Gegensatz zu ihm keine Ahnung, was in meinem Rechner, in meinem Fernseher, in meinem Auto und in meinem Telefon passiert. Wenn ich einmal die Nase in Rüdigers Welt stecke, stelle ich fest, dass sie voller unverständlicher Wunder ist.
Gestern Abend zum Beispiel. Ich las im Internet etwas über „Chrome“ und dass die Suchseitenfirma Google damit Microsoft herausfordern wolle und dass sich eine Revolution im Internet anbahne. Das klang aufregend und ich googelte „Google Chrome.“ Dabei stieß ich auf die alarmierende Nachricht, dass dieses neue Programm offenbar erhebliche Fehler enthält, eine vietnamesische Sicherheitsfirma habe das entdeckt. Irgendein asiatischer Rüdiger erläuterte das Problem so: „Beim Speichern einer Website mit einem überlangen HTML-Title-Tag kommt es zu einem stackbasierten Pufferüberlauf, durch den ein Angreifer beliebigen Schadcode auf einem System ausführen kann.“ Stackbasiert. Pufferüberlauf. Schadcode. Das klingt übel, nicht wahr? Wollen wir unsere Welt Menschen zu Füßen legen, die solche Sätze sagen?
Es ist nicht mehr lange hin und die Rüdigers dieser Welt kommen ernsthaft für politische Führungsfunktionen in Frage. Vielleicht haben sie auch schon längst die Köpfe führender Politiker umprogrammiert und sie zu willenlos agierenden Prinzessinnen und Monstern gemacht. Was, wenn der junge und gut aussehende Barack Obama in Wahrheit ein von Google programmierter Regierungsroboter ist? Was, wenn es in ihm zu einem stackbasierten Pufferüberlauf kommt?
Guido Westerwelle, Angela Merkel, Erwin Huber: Alle sind im innersten ihrer Festplatte beseelt von Rüdigers Rachegelüsten gegen mich und meinesgleichen. Westerwelle, Merkel und Steinmeier sind vermutlich bis oben hin voll mit Schadcode. Im nächsten Jahr wollen sie gewählt werden und anschließend ihre Wahlprogramme auf unserem System ausführen. Vor diesem Hintergrund sollten wir uns überlegen, ob John Mc Cain wirklich schon zu alt ist für das Präsidentenamt in Amerika. Er mag ein Spießer und ein konservativer Veteran sein, aber er ist ein analoger Veteran. Das ist das Beste, was man über den Mann sagen kann.