Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.09.2008

75_Mittel gegen Langeweile

Erst fand ich es unglaublich, aber dann gar nicht mehr, eigentlich ist es sogar mal wieder unheimlich deutsch. Folgendes habe ich nämlich heute gelesen: Wir, die Deutschen, arbeiten länger als die anderen Europäer. Wobei: Sie arbeiten ja zum Beispiel gerade gar nicht, Sie lesen ja den Stern. Dabei ist es nicht ganz auszuschließen, dass Sie ihn bei der Arbeit lesen, das ist jedenfalls meine Annahme. Mache ich auch immer und wenn ich mal von mir auf Sie schließen darf, ist die Sache so: Die Deutschen arbeiten zwar länger als die Holländer oder Portugiesen, aber sie arbeiten womöglich weniger. Nur so ist es zu fassen, dass die Deutschen laut einer Studie der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens– und Arbeitsbedingungen (vermutliche Abkürzung: ESzVdLuA) 41,1, Stunden pro Woche freiwillig an ihrem Arbeitsplatz verbringen. Die so genannten Anderen, die europäischen Ausländer, gehen viel früher nach Hause und frönen dann allerhand abseitigen Hobbys. Nur wir Deutsche arbeiten länger als wir müssten, tariflicherseits erforderlich wären bloß 37,6 Stunden. Doch was machen wir eigentlich bei der Arbeit? Arbeiten?
Ich nicht. Ich setze mich an den Schreibtisch, checke meine Mails, sehe mir Unsinn im Internet an, gucke nach, ob die Post da ist, trinke Kaffee, telefoniere, checke meine Mails, schreibe Sätze auf, die ich eventuell mal gebrauchen kann, zum Beispiel diesen hier: „Wenn ich Dein Gesicht hätte, würde ich lachend in eine Kreissäge laufen.“ Meistens schmeiße ich die Zettelchen mit solchen Sätzen gleich weg, weil ich sie ohnehin verbummele und niemals benutze. Dann checke ich meine Mails und sehe nach, ob noch Brennholz da ist und zucke mit den Schultern, egal wie das Ergebnis lautet. Irgendwann schreibe ich auch, aber nicht sehr viel.
Auf diese Weise komme ich locker auf eine Wochenarbeitszeit von 42,4 Stunden und ich finde, das ist ganz schön viel, verdammt. Die anderen Deutschen verbringen fast genau so viel Zeit an ihren Arbeitsplätzen wie ich und heften sich Merksätze an den Monitor wie: „Ich bin hier auf der Arbeit und nicht auf der Flucht.“
Die meisten Leute, die sich über zu viel Arbeit beklagen, haben in Wahrheit wenig zu tun und können das aber nicht zugeben. Dies führt zu einer Art Übersprungshandlung mit entsprechenden Seufzern. Das ist auch erforscht, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass jemand, der eine Arbeitsüberlastung beklagt, nicht auch wirklich überlastet ist. Hypochonder werden schließlich auch manchmal krank. Jedenfalls finde ich, dass Menschen, die ihre Zeit bei der Arbeit nicht sinnvoll verbringen, sich ruhig trauen sollen, früher nach Hause zu gehen. Macht aber keiner, wegen der berühmten Angst vor dem Arbeitsplatzverlust. Die Menschen befürchten einfach, ihren Job zu verlieren, in welchem sie unproduktiv herumhocken und Überstunden machen, indem sie Solitaire spielen oder Beschwerdemails schreiben.
Ob Angela Merkel auch solche Befürchtungen hat? Sie soll ja einen randvollen Terminkalender haben. Aber stimmt das wirklich? Sitzt Sie nicht auch manchmal nachmittags an ihrem großen Schreibtisch und weiß rein gar nichts mit sich anzufangen? Vielleicht macht sie dann ja Telefonstreiche, ruft beim Steinmeier an und sagt mit verstellter Stimme: „Hallo, hier ist die Firma Murkel, wir stehen hier vor der Tür und da wollte ich fragen: wo sollen wir die sieben Tonnen Steine für Herrn Meier abladen? Direkt vor dem Büro oder zuhause?“
Der Steinmeier sagt: „Angela, ich sehe Deine Nummer auf dem Display.“ Und Angela Merkel legt sofort auf und wird knallrot. Zur Kompensation ruft sie schnell mit ihrer richtigen Stimme bei den Vereinten Nationen an und fragt nach einem Termin für eine Rede vor der Vollversammlung, damit sie anschließend mit einer wichtigen Sache wiederum bei Steinmeier anrufen kann. Oder sie bestellt zwanzig Mal beim Chinesen die 34 mit wenig 51 und Extra Glutamat für die Fraktion der Linkspartei und freut sich ein Loch in den Bauch. Oder ihr ist einfach langweilig und sie mopst sich in der Sitzgarnitur. Ebenfalls heute las ich, dass sie gerne auf dem Schwebebalken turnen können würde. Nächsten Sommer wird sie 55 Jahre alt und das ist eine schöne Schnapszahl. Die im Kanzleramt könnten ja zusammenlegen und ihr einen Schwebebalken für ihr Büro schenken. Eine während der Arbeitszeit schwebende Regierungschefin finde ich eine wundervolle romantische Vorstellung.