Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.10.2008

77_Angenehme Irrtümer

Manchmal genieße ich das wohlige Gefühl, mich getäuscht zu haben. Neulich zum Beispiel schob ich Sohn und Einkaufswagen durch den Supermarkt. Ich suchte einen ganz bestimmten Pudding, den Nick unbedingt mal ausprobieren wollte. Er möchte alles, was neu ist, besonders wenn es mit Spongebob zu tun hat oder nachts leuchtet. Von diesem Pudding behauptete er, dass beides auf ihn zuträfe, er habe dies im Fernsehen gesehen.
Also fahndete ich nach leuchtendem Schwammkopf-Pudding und die Etiketten anderer Produkte flogen an mir vorbei. Dabei las ich unkonzentriert, was darauf stand. Ich passierte eine Packung Frischkäse und erst vier Meter weiter bemerkte ich den Wahnsinn, den ich soeben gelesen hatte: „Jetzt mit Cäsium.“ Ungeheuerlich ist das, schoss es mir durch den Kopf. Cäsium in Lebensmitteln. Und damit geben die auch noch an. Das ist ja, als würden chinesische Milchhersteller auf ihre Produkte schreiben: „Jetzt mit Melamin.“ Ja, ich regte mich richtig auf über diese Cäsium-Schweine. Als ich schon fast an der Kasse stand, kehrte ich noch mal um, weil ich es gar nicht fassen konnte. Ich fuhr zurück zum Frischkäse und musste feststellen, dass darauf etwas ganz anderes stand, nämlich: „Jetzt mit Calcium.“ Die ganze Aufregung vollkommen umsonst. Diese Gewissheit erzeugte einen unglaublich angenehmen Schauer in mir. Es gefiel mir, dass ich mich verlesen hatte, denn jetzt war meine Welt wieder in Ordnung, sogar ordentlicher als vorher, abgesehen davon, dass Nick inzwischen seine Aufmerksamkeit auf einen flammneuen Blasentee gelenkt hatte.
Jedenfalls mag ich es, wenn sich kurz oder lange in mir aufbewahrte Irrtümer in nichts als Wohlgefallen auflösen. Ich liebe den befreienden Moment der Erkenntnis.
Bis weit ins Erwachsenenalter glaubte ich fest daran, dass Kapern kleine Tiere seien, die im Meer lebten und dort von den Kapernfischern mit einem großen Netz herausgezogen wurden. Ihr salziger Geschmack und der Verkauf in kleinen teuren Gläschen stützten diese These. Obwohl Kapern keine Beine, Flossen oder Augen besitzen, war ich von ihrer tierischen Herkunft so lange überzeugt, bis Sara eines Tages lapidar bemerkte, Kapern seien eingelegte Blütenknospen und wüchsen an Sträuchern, unter anderem im Garten ihrer Oma. Und schon brach ein winziger Teil meiner Weltsicht zusammen, was mir in diesem Falle nichts ausmacht, denn Kapern sind für meine Weltsicht nicht so entscheidend. Das ist ja das schöne an derartigen Irrtümern.
Von schon erheblicherer Bedeutung war für mich die Erkenntnis, dass ich jahrzehntelang Nachname und Nachnahme miteinander verwechselt habe. Ich war immer davon überzeugt, dass eine per Nachnahme verschickte Sendung nur von demjenigen angenommen werden könnte, dessen Nachname auf dem Paket stand. Und nur der mit dem richtigen Nachnamen hätte dann auch dafür zu bezahlen. Empfängern mit anderen Nachnamen hingegen würde die Fracht gar nicht erst übergeben. Ich bestellte daher nie etwas per Nachnahme, weil ich befürchtete, dass mein Nachname eventuell falsch geschrieben werden könnte. Eines Tages während einer Bahnfahrt wurde mir ohne jeden Anlass plötzlich klar, dass eigentlich jede Postsendung per Nachname geschickt wird, aber noch lange nicht jede per Nachnahme. Ich lachte fast die ganze Strecke zwischen Würzburg und Köln und dafür hatte sich das jahrelange Missverständnis schon gelohnt.
Meistens ist es aber wie im Supermarkt, die Irrtümer halten nicht lange vor. Vor einiger Zeit dachte ich nur zwei Tage lang, Alfred Biolek wohnte in Frankfurt und seine Wohnung sei dort im öffentlichen Straßenverkehr gut ausgeschildert, nämlich auf der Adickesallee. Ich fuhr im Taxi über nämliche Straße, als ich auf einem großen gelben Wegweiserschild unter einem Rechtsabbiegepfeil las: „Dr. Biolek.“ Das fand ich enorm. Ich habe über Prominente schon allerhand absurdes erfahren, aber dass sich einer derart exponiert, dass er meint, der Menschheit mitteilen zu müssen, dass es rechts zu ihm nach Hause geht, das fand ich schon sehr abgefahren. Am nächsten Tag kam ich noch einmal an derselben Stelle vorbei. Worte können nicht beschreiben, wie glücklich ich war, dass da plötzlich was ganz anderes stand, und zwar: „Dt. Bibliothek.“ Ganz erleichtert war ich, als mir klar wurde, dass der brave Biolek gar nichts gemacht hat. Er war ganz unschuldig und das beruhigte mich sehr.