Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.10.2008

78_Schlafbesuch

Die TV-Serie „24“ bereichert den Zuschauer um Sätze, welche dieser wunderbar im Alltag einsetzen kann. Zum Beispiel diesen hier: „Ich kann heute nicht, ich muss noch Suchparameter entwickeln.“ Wenn mich Sara das nächste Mal um etwas bittet, werde ich das sagen. Oder ich sage: „Du. ich muss noch meine Brühgruppe reinigen.“ Der letzte Satz stammt nicht aus „24“ sondern aus der Bedienungsanleitung einer Kaffeemaschine. Oder: „Ich muss noch meine Trense einfetten.“ Dabei reite ich gar nicht. Jedenfalls mag ich Ausreden. Wenn Sie nicht am Samstagabend kleine Fleischbrocken von einem heißen Stein knibbeln wollen, sagen Sie nächstes Mal eine entsprechende Einladung mit der Begründung ab, sie hätten zuhause vierzehn Zahnkärpflinge abzurichten.
Als Frau Engelhardt am Samstag fragte, ob ihr Leander bei unserem Nick übernachten dürfte, hätte ich so einen Satz benötigt. Ich hätte sagen sollen: „ Wir haben leider heute unseren Orden zu Gast, beten nachts Satan an und bringen ihm kleine Tieropfer dar.“ Stattdessen sagte ich: „Natürlich. Gerne.“
Gegen 19 Uhr brachte Frau Engelhardt ihren Sohn vorbei. Ich fragte nach den wichtigsten Regeln, Fernsehen zum Beispiel. Das sei im Prinzip kein Problem, sagte Frau Engelhardt, aber Leander hätte schnell Angst.
„Okay,“ sagte ich. „Dann Nils Holgersson.“
„Um Himmels willen! Nein!“ rief Frau Engelhardt. Rasend vor Furcht, geradezu traumatisiert sei ihr Leander, wenn er Nils Holgersson sähe.
„Warum das denn?“ fragte ich.
„Er hat Angst, dass Nils Holgersson im Flug von der Gans fällt.“
„Aha. Allergien? Frühstücksvorlieben? Einschlafrituale?“
Alles sei ganz easy mit Leander, sagte Frau Engelhardt und fügte hinzu, dass sie mit ihrem Mann in die Oper ginge. Die Vorstellung dauere lang und das Handy bliebe aus. Damit entwich sie und sprang zu ihrem Mann ins Auto. Ich brachte Leander ins Wohnzimmer, wo er schon sehnsüchtig von Nick erwartet wurde. Es gab Spongebob. Ich ging in die Küche und machte den beiden was zu Essen. Nach einer Minute hörte ich Leander weinen.
„Was ist denn los?“ fragte ich.
„Der Gelbe hat dem Rosanen mit der Pfanne auf den Kopf gehauen.“
„Das war doch nur Spaß,“ sagte ich. Ich halte die Sendung nicht für besonders roh. Doch Leander weinte. Ich schaltete um, doch er weinte bei Heidi (der große Hund) und auch beim Sandmännchen (vermutlich der Bart.) Er weinte über dem Käsebrot, denn da waren so kleine Löcher drin. Die Teewurst war ihm zu rosa, der Apfelsaft zu trüb, der Joghurt irgendwie komisch. Ich fand ihn auch irgendwie komisch. Aber er tat mir leid, also kochte ich ihm Milchreis, das ist ein gutes Trostessen. Leander mochte keinen Milchreis. Er mochte gar nichts. Nick hatte sich bereits damit abgefunden und sich zum Spielen in sein Zimmer verzogen. Und ich hockte mit dem verzweifelt zitternden Leander-Häuflein in der Küche.
Ob er nach Hause wolle? Nein. Schluchzen. Ins Bett? Nein. Schluchzen. Wir riefen seine Mama an, aber ihr Handy war aus. Leander weinte lauter. Ob er Schokolade möge? Lautes Weinen mit leisem Kreischen. Ob er denn eventuell gern eine Backpfeife haben wolle? Das war nur Spaß. Aber komischerweise hörte Leander auf zu weinen und sah mich über die Maßen verwundert an.
Ich weiß nicht, was in seinem kleinen Kopf vor sich ging, aber Leander hat an diesem Abend nicht mehr geweint. Er spielte mit Nick bis nach zehn. Danach hörten sie eine CD an und schliefen darüber ein. Zum Frühstück aß er ein Brot mit dem kleinlöchrigen Käse und etwas vom komischen Joghurt, dann holte ihn seine Mutter ab. Ob alles gut geklappt hätte, fragte sie und ich antwortete, es sei alles top gewesen. So ein mutiger kleiner Kerl sei der Leander. Sie sah mich an, als glaube sie mir nicht. Dann sagte sie, man könne das Experiment ja am nächsten Wochenende wiederholen, da müsse sie mit ihrem Mann nach Luzern. Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Geht nicht. Leider. Da sind wir alle auf einem Volkshochschul-Workshop. Spaghetti-Makramee.“ Da hätte ich auch früher drauf kommen können.