Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.10.2008

79_The Art of angebing

Zu den großen Unschicklichkeiten unserer Gesellschaft gehört neben der Tätigkeit als Finanzmarktknecht das Angeben. Schon müssen sich Besitzer von SUVs öffentlich von subalternen Kleinwagenfahrern als Klimaschweine beschimpfen lassen, nachdem sie ihre Kids vor der Privatschule vom Schweller geschubst haben. Manch einer hat seinen 500-PS-Grunewald-Traktor bereits zurückgegeben, weil unterprivilegierte Verkehrsteilnehmer ihm den Spaß an der Vernichtung fossiler Brennstoffe verdorben haben.
Und spätestens hier muss man mal einschreiten. Nicht aus Toleranz natürlich, sondern weil der Angeber benötigt wird, dringender denn je. Ohne die natürliche Schönheit des Protzens, des Aufschneidens, Übertreibens, der Selbstüberhöhung und des Namedroppings wäre unser Alltag noch viel trauriger und das können wir gerade nicht gebrauchen.
Es ist ein großes Glück für uns alle, dass es Menschen wie den früheren Fußballer Stefan Effenberg gibt, welchem wir im Fernsehen bei der Verrichtung allerhand unnützer Tätigkeiten zuschauen dürfen. Das unterhaltsamste an ihm und seiner Frau ist die beinahe schon arglose Zurschaustellung allerhand blöder Konsumartikel, mit denen er sich, sie und sein Heim verschönert, welches er „Effeville“ nennt. Es hat drei Garagen. Der Bild-Zeitung erläuterte er: „Ich habe schon immer schöne Autos gefahren. Jetzt habe ich drei. Aber alle machen Sinn! Einen Hummer für die Familie, einen umgebauten Mustang als Fun-Auto – und ein Cabriolet. Das ist in Florida einfach Pflicht. Hier musst du ja nie das Dach schließen.“ Ist das nicht zauberhaft: Ein Fun-Auto UND ein Cabrio!
Es geht natürlich auch feinsinniger und deshalb mag ich Angeber. Geschicktes Aufschneiden ist Ausweis höherer Intelligenz; es gehört kreatives Talent und Einfühlungsvermögen dazu.
Einen hohen Schwierigkeitsgrad besitzt dabei das Namedropping. Das muss man wirklich üben, besonders die Dosierung, sonst wird es schnell albern. Und man sollte sich immer vor Augen führen, mit wem man sich unterhält. Ein rumänischer Mönch mit Schweigegelübde wird nicht augenblicklich vor Bewunderung platzen, wenn man sagt: „Angelina und Brad wollen ja an sich auch nur ihre Ruhe haben. Da ruft man am besten gar nicht an, sondern wartet, bis die sich melden.“ Solch eine Wendung setzt beim Adressaten voraus, dass dieser weiß, von wem überhaupt gesprochen wird. Sonst verpufft die Wirkung. Der Simpsons-Erfinder Matt Groening äußerte im Interview mit der Süddeutschen Zeitung einmal den bemerkenswert angeberischen Satz: „Niemand kennt Thomas Pynchon. Niemand außer mir.“ Diese Ungeheuerlichkeit wurde nur von dem Umstand abgemildert, dass selbst unter den Lesern der Süddeutschen Zeitung nur eine Minderheit weiß, wer Thomas Pynchon ist. Die meisten kennen nicht einmal Matt Groening.
Am unterhaltsamsten stellen sich dann doch Angeber an, die unverblümt und mit größtmöglichem Punch auf ihre Verdienste, Potenz, sportliche Erfolge oder Besitztümer hinweisen. Das ist mir persönlich immer noch die liebste Variante. Wie bei Effe. Einfach druff. So wie die Gattin eines Sportwagensammlers, die mir einmal erklärte, dass ihr Mann sie nie verlassen würde. Ich fragte, was ich zu fragen hatte, nämlich: „Warum denn?“ Und sie antwortete: „Er könnte sich doch niemals entscheiden, welchen von seinen Autos er dafür nehmen sollte.“ Das hat Stil.
Autos eignen sich immer für eine kleine Aufschneiderei. Ich erinnere mich an einen wundervollen Cartoon von Dave Berg, den ich als Junge in „Mad“ sah und nie mehr vergessen habe, weil er die Kunst des stilvollen Angebens in nur einer Sprechblase auf den Punkt brachte. Zu sehen ist ein Herr, der einem anderen Herrn die Hand schüttelt und sagt: „Oh, Sie haben ja genau so einen festen Händedruck wie der Mechaniker meines Jaguars.“
Verbürgt ist auch folgende kleine Unterhaltung, die ein deutscher Künstler im Rahmen einer Ausstellungseröffnung mit dem Ex-Formel-1- und Hobby-Flugzeugpiloten Michael Schumacher geführt hat. Da fragte der Künstler, in welchem Hotel denn der Schumacher zu übernachten gedenke und dieser antwortete mit der glamourösen Sentenz: „Och, ich glaube, ich fliege noch nach Hause.“ Hat er dann auch gemacht. Und deshalb ist er nun vielleicht doch kein Angeber. So fein ist der Unterschied zwischen Effe und Schumi.