Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.10.2008

80_Turnen mit Jopi

Wer geht in mein Fitnessstudio? Sie werden es nicht glauben: Jopi. Heesters. Ich sah ihn zuletzt am vergangenen Dienstag. Erst wunderte ich mich darüber. Dann fragte ich mich, was das Ganze eigentlich über mich aussagt. Dass Johannes Heesters in ein Fitnessstudio geht, in dem Menschen turnen, die weniger als halb so alt sind wie er, spricht sehr für ihn. Dass ich in eines gehe, wo Menschen turnen, die mehr als doppelt so alt sind wie ich, spricht nicht unbedingt für mich. Andererseits: Die Alten werden eben immer jünger. Und zänkischer. Sie möchten nicht mehr den ganzen Tag auf den Rasen gucken und rauschende alte Aufnahmen von Arthur Rubinstein anhören. Sie möchten mitmischen, mitreden, mitturnen.
Gerade konnte man den immer mehr an den 900 Jahre alten Meister Yoda erinnernden Marcel Reich-Ranicki dabei zuhören, wie er sich ebenso hemmungs– wie kenntnislos über den Dreck im Fernsehen beschwerte und sehr exakt jene benannte, die ihm besonders auf den Wecker gingen. Dass er dabei Atze Schröder und Helge Schneider miteinander verwechselte, wird nur den zweiten ärgern. Ein weiterer älterer Herr namens Grass kritisierte den eitlen Grandseigneur für dessen Kritik, weil dieser mit seiner krawalligen TV-Präsenz über die Jahre die Literatur ganz erheblich trivialisiert habe und im Grunde Teil des von ihm verachteten Systems sei. Eine höhere Instanz gibt es in diesem Streit nicht, interessant ist jedoch, dass wir Vierzigjährigen uns heraushalten. Und warum machen wir das? Aus Respekt vor dem Alter. Wenn man auf alles einginge, müsste man auch auf die Denkfehler hinweisen. Oder man ginge eben nicht auf alles ein und schmunzelte. Ich ahne jedoch, dass Herr Reich-Ranicki nicht milde angeschmunzelt werden möchte.
Es gibt übrigens durchaus ältere Herrschaften, vor denen man sich in Acht nehmen sollte. Die Scorpions zum Beispiel. Sie verhalten sich zur modernen Popmusik in etwa wie mit Fleischsalat gefüllte Fliegenpilztomaten zu Safran-Risotto. Sie wissen ein beinhartes Riff aus der E-Gitarre ebenso zu schätzen wie den breitbeinigen Stand in gestreiften Leggings. Die Scorpions sind im Gegensatz zu Reich-Ranicki keine Päpste, sondern bloß Veteranen und immer noch on the road, meistens im Ausland, Ulan Bator und so. Jedenfalls muss man aufpassen: Man darf die Scorpions noch lange nicht abschreiben, sie kommen immer wieder zurück.
Genau wie Unterhaltungs-Urgestein Dieter Bohlen. Der war allerdings genau genommen niemals weg. Man würde es sich ja wünschen, aber er ist immer. Und überall. Auf der Buchmesse stellte er sein neues Werk vor und erteilte den anwesenden Jugendlichen wichtige Ratschläge für die Fahrt durchs Leben. Er predigte, dass man regelmäßig in die Schule gehen müsse und sich dort anstrengen solle. Bohlen ist 54 Jahre alt. Die meisten Eltern der kreischenden Buchmessen-Teenies sind 44 Jahre alt. Wenn die ihren Kindern sagen, dass sie gefälligst für die Schule lernen sollen, gelten sie als Spießer. Sie sind eben nicht wie der Dieter, ihre Haut ist nicht so braun, die Zähne sind nicht so weiß und sie haben vor allen Dingen nicht „Cherie Cherie Lady“ komponiert.
Ein richtig gefährlicher Dino ist Hartmut Mehdorn. Er sollte nie angeschmunzelt werden, weil er dies als Zustimmung für seine finsteren Pläne bei der Bahn auffasst. Letzten Freitag hat er den ICE von Frankfurt nach München einfach halbiert, angeblich aus betriebsbedingten Gründen, in Wahrheit aber aus reiner Lust am Kundenquälen. Vermutlich sitzt er wie ein Bond-Schurke (auch dies sind übrigens meistens alte Männer) in seinem Berliner Büro und drückt mit sardonischem Spott auf Knöpfchen herum, um Verspätungen, Fahrpreiserhöhungen oder Regenschauer auf Bahnhöfen herbei zu führen. Mehdorn wird sicher noch lange im Amt bleiben. Er möchte seinen Sessel nicht für einen jüngeren Kollegen räumen, denn erstens ist er mindestens so fit wie Jopi Heesters und zweitens steht er vermutlich auf dem Standpunkt, dass die Jüngeren eben einfach noch nicht alt genug seien.
Noch einmal zurück zu Jopi Heesters. Er geht also in den gleichen Fitnessladen wie ich. Und es mag sein, dass er nicht mehr der allerschnellste ist, aber abgehängt hat er mich und die anderen dort trotzdem. Mit seinen oberstylishen Sportklamotten. Ganz in weiß. Hammer.