Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.11.2008

82_Folter-Events

Zu den unerträglichsten Begriffen deutscher Sprache gehört das Wort „Event.“ Nun werden Sie als top eloquent best timer and smart shopping target group member bestimmt entrüstet rufen: „Was heißt hier bitteschön deutsche Sprache? Das ist doch kein Deutsch,“ aber „Event“ steht als Lehnwort sowohl im Deutschen Universalwörterbuch als auch im Rechtschreibduden. Das wäre schon schlimm genug und dieser Text könnte hier mit dem übellaunigen Statement enden, dass es nicht für alles ein englisches Wort braucht, schon gar nicht für Event. Oder Statement. Aber leider fängt mit dem Ritterschlag für das kümmerlich doofe Wort „Event“ das ganze Unheil erst an, denn leider begegnet man ihm nicht nur im Wörterbuch, wo man so einen Begriff ja einfach als in der Dunkelheit zwischen zwei Buchdeckeln vor sich hin vegetierenden Quatsch ignorieren könnte, sondern überall. Unser ganzes Leben ist inzwischen ein einziges Event. Schreckliche Fernsehfilme mit Veronica Ferres heißen zum Beispiel nicht mehr schreckliche Fernsehfilme, sondern Event-Movies.
Ein Event-Movie geht so: Veronica Ferres spielt eine Mutter, die durch die rauchenden Trümmer von Dresden, durch Ostberlin, durch Westafrika irrt und ihr Kind, Ihren Mann, ihre Wohnung sucht. Dabei trifft sie auf Heino Ferch, Heiner Lauterbach, Michael Mendl, der einen ausgebombten Industriellen, Adligen, General spielt und das alles nicht hat kommen sehen, nicht verhindern konnte, im Grunde ein guter Kerl ist. Ihre keimende Zuneigung wird von bösen Russen, Behörden, sinistren Knechten des globalen Kapitals torpediert, aber am Ende wird alles gut und neben dem Kind, dem Mann und der verlorenen Wohnung taucht außerdem ein Erblasser, die Wende, Christiane Hörbiger auf und verleiht dem Schluss des Films zusätzlichen Eventcharakter. Drei oder vier Mal im Jahr werden diese Ereignisse heftigst betrailert (früher: beworben) und seltsamerweise finden sich immer ein paar Millionen Deutsche, die das sehen wollen, obwohl man ja auch mal ein gutes Buch lesen oder sich das Holzbein polieren lassen könnte.
Ebenso medioker, aber nicht jedem Fernsehzuschauer zugänglich sind Veranstaltungen, die von Eventagenturen zu einem Ereignis gemacht werden. Gerade las ich den Newsletter einer Event-Firma namens Trendhouse, welche mich unter anderem darauf hinwies, dass es im Münchner Käfer-Stammhaus nun einen Raum gäbe, in welchem bis zu 45 Gäste in „absoluter Wohlfühl-Atmosphäre“ Platz fänden. Was damit wohl gemeint sein mag? Ist Wohlfühl-Atmosphäre so eine Art Steigerung der normalen irdischen Atmosphäre? Haben die bei Käfer eine spezielle Käfer-Atmosphäre mit der Luft beigemengtem Lachgas? Die Eventmanager von Trendhouse gehen darauf leider nicht weiter ein, fügen aber hinzu: „Für die beliebten Kaminabende gibt es sogar einen Kamin.“ Donnerwetter. Andererseits: Einen Kaminabend ohne Kamin fänd ich schon ein echt spektakuläres Ereignis.
Die schlimmsten Events, die ich kenne, finden in schlecht beheizten Zelten auf matschigem Grund statt und fallen unter die Alptraum-Rubrik „Eventgastronomie“ (steht ebenfalls im Duden). Ich musste schon mehrfach in diese Zelte und es war immer traumatisch. Im Namen eines berühmten Koches gab es dort alle zwei Stunden etwas zu essen und was es gab, wurde von lustigen Kellnern gebracht, welche die Teller mit Glosche servierten. Diese wurden zeitgleich abgehoben und unter meiner befand sich ein Gummihuhn, welches vom Oberkellnerclown herumgezeigt wurde. Hahaha. Dann fragte er mich, woher ich käme und ich sagte fatalerweise „Düsseldorf,“ was ihn dazu inspirierte, den Rest des nicht enden wollenden Abends alle zwanzig Minuten mit dem Finger auf mich zu zeigen und Sätze zu sagen wie: „Jacques, dieses Stück Fleisch kann man niemandem zumuten, außer unserem Freund aus (Achtung!) DÜSSELDORF.“ Hahaha.
In dem Zelt herrschten gefühlte 1000 Grad, ich musste trinken, trinken, trinken und mir arme russische Schlangenmenschen ansehen sowie den grauenhaften Oberkellner, wie er mit einem Einrad auf mich zu fuhr, im allerletzten Moment bremste und sagte: „Da hätte ich ihn ja beinahe umgefahren, unseren Gast aus: DÜSSELDORF.“ Hahaha. Gerne hätte ich diese Nervensäge mit einem Baguette erschlagen. Wäre ein guter Moment für die Show gewesen. Ein Event, über das sogar die Zeitungen berichtet hätten. Event-Killing sozusagen.