Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.11.2008

83_Shock and Awe

Gerade war wieder Sankt Martin. Darauf habe ich mich als Junge immer sehr gefreut. Der Sankt Martin war ein römischer Soldat zu Pferde. Er kam zum Parkplatz vor der Grundschule geritten und traf dort auf einen am Boden sitzenden Bettler, welcher einen höchst authentischen Eindruck auf mich machte. Ich war jedenfalls froh, dass der Bettler danach einen Job als Hausmeister der Grundschule bekam. Viel später begriff ich, dass er tatsächlich erst Hausmeister war und dann zusätzlich noch Bettler am Martinstag wurde und eben nicht umgekehrt. Ist ja auch egal. Sankt Martin zog jedenfalls ein eindrucksvolles Schwert und tat so, als bestünde sein Umhang nicht aus zwei gleich großen Teilen, die er bloß auseinander ziehen musste. Dann hieb er mit dem Schwert durch den Stoff und übergab eine Hälfte dem Bettler. Dieser erhob sich, um dem Martin zu danken, aber da hatte sich dessen Pferd bereits umgedreht und trug den Heiligen äpfelnd vom Parkplatz, worauf eine Kapelle spielte und alle Kinder das Lied vom Sankt Martin sangen.
Der Bettler lief in die Schule und gab – nun als Hausmeister – jedem Kind mit Bezugssschein eine Papiertüte. Darin befanden sich eine Mandarine, etwas Spekulatius, Bonbons, Nüsse sowie ein Weckmann. In das Männlein aus hellem Hefeteig war eine Gipspfeife eingebacken. Die zog sogar. Wir stahlen meiner Mutter eine Lord Extra, stopften den Tabak in die Weckmannpfeife und rauchten hinter den Brombeeren am Friedhof. Schmeckte erstklassig, fanden wir. Trotz dieser warmen Erinnerungen an den Hausmeister und die Gipspfeife ist mir Sankt Martin inzwischen nicht mehr besonders wichtig. Meinem Sohn Nick umso mehr.
Dies begriff ich, als er letzte Woche heulend aus dem Kindergarten kam. Seinem von Weinstottern unterbrochenem Vortrag entnahm ich, dass seine La-la-la-laterne ka-ka-ka-ka-pu-hu-hu-hut gegangen sei, als er sie seinem Kumpel Finn über die Birne haben ziehen müssen, weil dieser so do-ho-ho-ho-of gewesen sei. Um 17 Uhr seien Martinssingen und Martinsfeuer und wenn er keine La-la-la-laterne habe, könne er sich auch gleich umbringen.
Ich tröstete ihn, wie man einen kleinen Jungen tröstet, nämlich mit den Worten: „Dafür hast Du’s dem Finn aber ordentlich gezeigt,“ doch mein Sohn weinte und weinte und das kann ich gar nicht ertragen. Also schlug ich ihm vor, eine neue Laterne zu basteln.
Nun ist aber basteln so gar nicht mein Ding. Etwa zu der Zeit meines ersten Martinsfeuers habe ich meiner Mutter einmal einen Topflappen gehäkelt, welchen sie sofort kommentarlos und vor meinen Augen in den Müll geworfen hat. Und sie war wirklich eine gute Mutter, an ihr lag es nicht. Doch jetzt hatte ich keine Zeit, meine handwerklichen Unzulänglichkeiten zu beweinen. Eine Laterne musste her. Wie ging das noch mal?
Aus Pappe vier Rahmen bauen. Rahmen quaderartig verkleben. Mit Butterbrotpapier als Fenster ausstatten. Butterbrotpapier natürlich VORHER bemalen. Mist. Noch mal. Aus Pappe einen Rahmen bauen. Butterbrotpapier bemalen. Von innen gegen den Rahmen kleben. Natürlich BEVOR man die Rahmen miteinander verklebt. Mist. Noch Mal. Und den Boden nicht vergessen. Da muss ein Teelicht drauf. Dafür muss man aber oben ein Loch in der Laterne lassen, sonst kann man das Licht weder reinstellen noch auspusten geschweige denn anzünden. Mist. Noch mal. Nach dem vierten Versuch hyperventilierte Nick und schalt mich Bastelnull und ganz miserablen Papa.
Da fielen mir die Gartenfackeln ein. Stinkende Dinger, wie sie bei Sommerfesten und beim Ku-Klux-Klan Verwendung finden. Ich suchte im Schuppen, fand sie nicht, dafür aber etwas fiel besseres: Den Gasbrenner. Ich zünde damit Grillkohle an und verkokele Unkraut. Das Gerät besteht aus einer Gasflasche, an der ein langer oranger Schlauch angebracht ist. Dieser mündet in einem Metallstab, an dessen Ende sich ein Brenner und ein Abzug befinden. Man zündet eine kleine Flamme an und immer, wenn man den Abzug betätigt, schießt fauchend eine Stichflamme von einem halben Meter Länge hervor.
Ich stellte das Ding auf eine Sackkarre und wir gingen zum Martinszug. Zwischendurch betätigte Nick den Gasbrenner. Worte können das selige Lächeln des Kindes nicht beschreiben. Und die Gesichter der anderen Kinder und ihrer Eltern auch nicht. Ich sage nur: Shock and Awe. Schock und Ehrfurcht. Selbst Sankt Martin war schwer beeindruckt.