Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.11.2008

85_Der Nikolaus war da! (1)

Höchstwahrscheinlich war das Saras Idee. Bestimmt hat sie mich letztes Jahr vorgeschlagen, den Nikolaus im Kindergarten zu machen. Kann mir genau vorstellen, wie das gelaufen ist. Die rauen Frauen, mit denen sie dort einmal pro Monat zusammen sitzt, um zu erörtern, wie viel Sand Kinder essen sollen und wo die Grenze zwischen „lebhaft“ und „asozial“ verläuft, diskutierten wahrscheinlich darüber, wer von den männlichen Erziehungsberechtigten als Bischof am besten geeignet wäre. Und meine zauberhafte Frau hat dann gesagt: „Das kann ruhig mal mein Mann machen, der macht ja sonst nix. Und außerdem muss ich immer diesen Kindergartenquatsch mitmachen und er drückt sich davor, weil er insgeheim Angst vor Euch hat.“ Gut, den letzten Satz wird sie nicht gesagt, aber gedacht haben. Und damit hat sie nicht ganz Unrecht.
Sie kam nach Hause und ich fragte: „Na, wie war es in der Neigungsgruppe Männerhass?“ Sie antwortete: „Gut, wir haben einstimmig beschlossen, dass Du dieses Jahr der Nikolaus bist.“
„Was heißt einstimmig? Ich bin dagegen!“
„Aber Du warst nicht da.“
„Barack Obama war auch nicht da. Müsste der das jetzt machen, wenn Ihr ihn gewählt hättet?“
„Das Kostüm gibt es im Büro. Du musst es mittags abholen und dann pünktlich um 17 Uhr ans Fenster klopfen. Der Sack mit den Geschenken steht neben der Papiertonne. Und das Buch auch.“ Das kannte ich schon: Die Eltern beklebten je eine Seite in dem großen Buch mit einer Art Zeugnis für ihr Kind. Meistens stand drin, dass der Korbi sein Zimmer schon ganz toll aufräume, jedoch bitteschön den Kopf seiner kleinen Schwester zukünftig nicht mehr im Klosett untertauchen möge. Als Nikolaus hatte ich dies mahnend vorzutragen und dann dem zauberhaften Korbi das für ihn vorgesehene Geschenk zu überreichen. Die Päckchen im Sack waren mit Namensschildern versehen. In Nicks Gruppe gab es sechzehn Kinder.
Um halb fünf zog ich mich um. Griechische Bischofsmontur, total stilecht. Allerdings roch der Bart ziemlich streng. Der Hund erkannte mich nicht und biss bellend in mein Gewand. Ich nahm dies als Kompliment für meine Verkleidungskunst, die ich mit einer ausrangierten Brille krönte. Die Gläser waren viel zu schwach. Dann setzte ich mich ins Auto. Ich parkte hinter dem Kindergarten, holte mir Sack und Buch und klopfte mit dem Bischofsstab ans Fenster. Ich rief: „Ho! Ho! Hooo!“ Eine Kindergärtnerin öffnete das Fenster und rief verzückt: „Nun guckt mal, der da ist!“ Und zu mir sagte sie leise: „Bitte nicht Ho-ho-hoo. Das ist Amischeiße. Wir sagen „Hallo Kinder, lasst mich ein, ich will so gerne bei Euch sein.“ Okay?“ Dann öffnete sie die Tür, ich kam hineingestolpert (der Umhang, die Tür, der Sack) und rief: „Hallo. Lasst mich rein, Kinder, lasst mich rein, damit ich bei Euch sein kann.“
„Das reimt sich gar nicht,“ rief ein kleiner Klugscheißer, den ich rasch als die Pest aus dem Haus gegenüber identifizierte. Seine Eltern waren genauso schlimm wie er, bloß älter. Und hässlicher.
Ich setzte mich auf einen kleinen Stuhl. Mir war warm. Ich wollte nach Hause. Nachdem ich dreimal tief geatmet hatte, machte ich mir ein Bild von meinem Publikum. Sechzehn Kinder, vier Erzieherinnen. Der Duft von Früchtetee. Mein Sohn Nick saß in der ersten Reihe und hatte vor Aufregung knallrote Wangen, soweit ich das mit der alten Brille erkennen konnte. Ich wollte gerade anfangen mit dem Buch, als die kleine Claire anfing zu weinen.
„Was’n los?“ fragte ich. „Ich habe doch noch gar nicht angefangen!?“
„Du bist so gruselig,“ rief Claire und das tat mir leid. Und außerdem stimmte es gar nicht.
„Das wird alles nicht so schlimm,“ sagte ich in väterlichem Ton. Ich hob das Buch, schlug es auf und sagte im Brummton: „Na, woooo ist denn der kleine Finn?“ Der kleine Finn hob die Hand und ich brummte weiter: „Soosoo, Du bist der Finn.“
„Nein, ich bin der Konstantin und ich muss aufs Klo.“
Fortsetzung in der nächsten Woche.