Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 04.12.2008

86_Der Nikolaus war da! (2)

Mein Auftritt als Nikolaus im Kindergarten hatte noch gar nicht richtig begonnen, als das erste Kind anfing zu heulen und auf den mütterlichen Schoß flüchtete. Dabei hatte ich gar nichts gemacht, Ehrenwort. Ich glaube eher, da stimmt was in der Familie nicht. Da muss man mal mit dem Jugendamt hin. Meine Meinung. Egal.
Als Claire sich wieder beruhigt hatte, konnte ich mit dem verlesen der kleinen Sünden jeden Kindes beginnen, jedenfalls fast, denn als nächstes meldete sich Konstantin ab und ging aufs Klo. Ich blätterte in dem großen Buch, in dem alle Eltern kurze Erziehungshinweise zum Wohle ihrer Kinder eingetragen hatten. Himmel, war das warm hier. Durst! Und der Schweiß rann in den Bart, welcher kunstvoll mit der Bischofsmütze verbunden war. Er fühlte sich an wie ein 200 Grad heißer feuchter Flokati. Ekelhaft.
„Dann wollen wir mal sehen,“ brummte ich nikolausig. „Wer von Euch ist denn der Finn?“
Ein kleiner blonder Bursche hob die Hand. „Eine Frage,“ sagte Finn.
„Schieß los,“ sagte ich jovial.
„Wo ist eigentlich Dein Krampus?“
Der Krampus ist eine Art teuflisches Zottelwesen und gehört zum süddeutschen Nikolaus-Brauchtum. Er sieht aus wie die Morlocks in dem Film „Die Zeitmaschine.“ Häufig taucht er im Rudel auf und soll die unartigen Kinder erschrecken. In anderen Gegenden Deutschlands gibt es den Knecht Ruprecht. Er verhält sich zum Nikolaus in etwa wie Thomas de Maizière zu Angela Merkel.
„Ich brauche keinen Krampus,“ sagte ich beleidigt.
„Wenn Du keinen Krampus hast, dann bist Du gar nicht richtig.“
„Hast Du eine Ahnung. Wenn Du nicht still bist, fresse ich dich vor den Augen Deiner Kumpels einfach auf. So! Haps!“
Sofort fing Claire wieder an zu heulen. Aber darauf konnte ich keine Rücksicht mehr nehmen. Zeit ist Geld. Auch ein Nikolaus muss effizient arbeiten.
„So. Finn. Hier lese ich, dass Du schon ganz toll Deinen Teller aufräumst und gerne mit dem Hund spazieren gehst. Das ist ja schön.“
„Woher weißt Du das?“
„Das steht hier.“
„Und wer hat das da rein geschrieben?“
„Ist doch egal,“ brummte ich.
Ich wollte die Sache nun endlich hinter mich bringen. Ich sagte: „Du musst aber auch dein Zimmer aufräumen. Okay? Nun bekommst Du ein Päckchen aus dem Säckchen und Du darfst es erst öffnen, wenn ich weg bin. Ihr müsst alle warten, bis jeder eines hat.“ Dazu hatte mir Sara geraten. Ansonsten würde die Aufmerksamkeit zu schnell nachlassen. Und dann kam mir eine teuflische Idee: Ich griff in den Sack, nahm ein Geschenk heraus und entfernte rasch das Namensschildchen darauf. Finn erhielt also nicht sein Päckchen, sondern irgendein Päckchen. Hähähä. Nikolausens Rache.
Ich machte weiter. Jedes Kind schimpfte ich zunächst milde und bescherte es dann mit einem Päcklein. Schließlich erhob ich mich ächzend, teilte der Truppe mit, dass ich einen schweren Bandscheibenvorfall habe, leider gesetzlich versichert sei und nun nach Hause müsse, um dort eine schöne Kindersuppe zu kochen, was Claire dazu veranlasste, aufzukreischen und in den Schoß der Gruppenleiterin zu flüchten. Dann ging ich, mit dem Bischofsstab winkend. Im Hinausgehen hörte ich noch, wie der erste rief: „Was soll ich denn mit dem Mädchenkram hier?“ Dann war ich weg. Sara holte unseren Nick eine Stunde später ab. Er war ganz zufrieden mit seinem rosa Spiegelchen, obwohl Sara ihm eigentlich eine Playmobilfigur gekauft hatte. Am nächsten Tag brachte ich Nick in den Kindergarten und die Erzieherin bedankte sich herzlich bei mir für die wunderbare Idee, die Kinder zur Kommunikation und zum Tauschen angeleitet zu haben. Das sei pädagogisch unheimlich wertvoll gewesen und sie habe mir diesen Weitblick gar nicht zugetraut. Mist. Jetzt muss ich jedes Jahr ran.