Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.12.2008

88_Rollspinnen und klatschende Österreicher

Es gibt große Neuigkeiten aus der Fauna zu vermelden. Ein Wissenschaftler von der TU Berlin hat nämlich eine neue Spinne entdeckt. Ingo Rechenberg heißt der Mann und die Spinne hat noch keinen Namen, ist aber sehr hell, groß wie ein Handteller und wohnt in der Sahara. In der Zeitung stand, dass der Herr Rechenberg die Spinne dabei beobachtete, wie sie Anlauf nahm, ihre langen Beine zu einem Rad formte und davon rollte. Er hat sie gefangen, um sie zu untersuchen, aber leider wurde sie wenig später von einem Skorpion ermordet.
Nachts ist der Forscher dann noch einmal in der Wüste losgezogen, mit Taschenlampe und Eimer. Und diesmal fand Herr Rechenberg sogar zwei dieser wunderlichen Spinnen. Eine hat er in Alkohol eingelegt, die andere wohnt nun bei ihm in Berlin und rollt durch die Wohnung, um ihm die Zeitung zu bringen.
An der Geschichte fasziniert mich zweierlei. Zum einen, dass niemand von dieser Rollspinne Notiz genommen hat, bis der Herr Rechenberg zufällig vorbeikam. Womöglich seit Jahrtausenden rollte das Spinnentier, um Aufmerksamkeit bettelnd, durch den Sand. Und nun, endlich, kam Herr Rechenberg aus Berlin vorbei. Natürlich aus Berlin, möchte man ausrufen. Egal, wo man auf der Welt den Blick hebt, um in die Ferne zu sehen, trifft man auf Berliner. So gesehen ist es beinahe ein Wunder, dass die Rollspinne nicht schon vorher entdeckt wurde, denn Herr Rechenberg ist ganz sicher nicht der erste Berliner, der mit Taschenlampe und Eimerchen durch die Wüste schnürt. Faszinierend an der ganzen Begebenheit ist zum zweiten übrigens genau dies: Das unerhört sympathisch-altmodische an dem Vorgang. Ich mag es, wenn Wissenschaftler nicht ständig bloß im Labor oder am Rechner sitzen, sondern wirklich irgendwo hinfahren und Abenteuer in der Wüste erleben. Herr Rechenberg von der TU Berlin ist eine Art deutscher Indiana Jones. Jawohl.
Es herrscht übrigens nicht unbedingt Einigkeit darüber, dass die rollende Spinne eine völlige Neuentdeckung ist, denn sie sieht, wie die Süddeutsche Zeitung stirnrunzelnd festhielt, der Cebrennus villosus „verdächtig ähnlich,“ allerdings rollt diese nicht. Jedenfalls bisher.
Wie schön wäre es, wenn im neuen Jahr endlich alle Zweifel beseitigt werden könnten. Ein Leben ohne jeden Zweifel wäre berauschend wie ein stehender Applaus. Apropos stehender Applaus: Auch hier gibt es einen Zweifelsfall. So las ich erst kürzlich über Luciano Pavarotti, dass jener den längsten anhaltenden Applaus aller Zeiten erhalten habe, und zwar wo? Ha! Natürlich in Berlin, allerdings nicht in der Technischen Universität fürs Rollen sondern in der Deutschen Oper fürs Singen. Am 24. Februar soll Pavarotti dort 67 Minuten ununterbrochen für seine Darbietung des Nemorio in Donizettis Liebestrank beklatscht worden sein. Das ist sehr lang und wird ihn gefreut haben. Kaum hatte ich dies jedoch gelesen, stolperte ich über eine Werbeanzeige für den neuen 7er von BMW. Und dort heißt es schäumend: „Placido Domingo hat als einziger Opernsänger 80 Minuten anhaltenden Applaus erhalten.“ Was das nun mit dem neuen 7er zu tun hat, vermag ich nicht zu ergründen, aber wenn das stimmt, muss die Geschichte des Applausrekordes neu geschrieben werden. Die Quellenlage ist nicht eindeutig, allerdings stammen die meisten Berichte über den Placido-Applaus aus Österreich, wo sich dessen Ovation 1991 zugetragen haben soll. Und wir alle wissen: In Österreich gehen die Uhren anders. Jedenfalls liegt die Frage nahe, was wohl passieren würde, wenn Domingo und Pavarotti gleichzeitig in Berlin und Wien das gleiche sängen: Wo würde wohl länger geklatscht? Leider muss diese Frage für immer unbeantwortet bleiben. Wenn Sie sich deswegen grämen, hier eine letztgültig geklärte: Können Bodywickel die Haut wirklich straffen? Ich las diese barmende Sentenz in der „Freundin“ und da fiel mir auf, wie ungebildet ich in Kosmetik bin. Die Antwort fiel übrigens beruhigend aus: Jawoll, das funktioniert. Man soll sich Bauch oder Oberschenkel dick eincremen und sofort mit einer Frischhaltefolie umwickeln. Das sieht nicht nur zauberhaft aus, sondern fördert auch die Durchblutung.
Wenn man Glück hat, kommt ein Wissenschaftler von der TU Berlin vorbei und hält einen für eine neue Lebensform. Man wird in Alkohol eingelegt und auf einem großen Kongress in Wien präsentiert. Wenn alles dabei gut läuft, applaudieren die anwesenden Forscher für 81 Minuten. Weltrekord!