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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.12.2008

89_Antonio im Rückblick

Ein Jahr ohne TV-Rückblick ist ein verlorenes Jahr. Daher schwärmten in den vergangenen Wochen Legionen von freien Mitarbeitern aus, um das Volk für lustige Einspielfilmchen zu befragen. Auch in Krefeld war ein kleines Team unterwegs. Es postierte sich in der Fußgängerzone und hielt nach geeigneten Passanten Ausschau. „Da,“ sagte der Kameramann. „Die sind gut.“ Es näherte sich das Ehepaar Marcipane. Ursula trug die Tüten, weil Antonio schon alle Hände voll hatte, er aß nämlich eine Wurst. Der Kameramann hob sein Arbeitsgerät auf die Schulter, der Assistent übergab dem Redakteur das Mikrofon. Mutig stellte sich das Trio dem Ehepaar Marcipane in den Weg.
„Hallo? Wir machen hier eine kleine Umfrage für den Jahresrückblick.“
„Ume Frag? Was fur ein Frag?“, sagte Antonio Marcipane und biss in seine Wurst.
„Eine Umfrage. Ich nenne Ihnen ein Thema, das uns alle 2008 bewegt hat und Sie äußern sich spontan dazu. Okay?“
„Warume?“
„Warum was?“
„Wofur make Sie denn de Unsinne da?“
„Das mögen die Leute. Sie können sich dann im Fernsehen sehen.“
„Ah, fur der Miste da. Habi in Sommer ein neue Fernseh gekaufte und nix als der Ägger und Kummer damite, ecco. Könne Sie ihre Leut sage, sollen den Dingeda wieder abhole komme.“
„Das sagen Sie vielleicht besser dem Laden, wo sie den Fernseher gekauft haben. Wenn damit was nicht in Ordnung ist, dann sollten die sich vielleicht darum kümmern.“
„Nee! Teknik von dä Dinge iste die pikobello, aber dä Programm. Che cazzo!“
„Ja, das ist ja schön. Damit wären wir ja schon bei einem Thema 2008. Auch Marcel Reich-Ranicki hat sich ja über das Fernsehen beschwert. Teilen Sie seine Auffassung?“
„Wer iste diese Mann?“
„Der Literaturkritiker. Reich-Ranicki.“
„Was makte dä? Makte Kritik uber der Literatur?“
„Genau.“
„Ah capito. Und was will diese Mann dann mite dem Fernsehn?“
„Er hat sich eben zum Fernsehen geäußert.“
„Soll der lieber eine Buch lesen und dann seine Kritike make.“
„Sehen Sie denn Fernsehen?“
„Gar nikte kucke wir Fernsehn. Nie! Iste nur fur dumme Salate. Gute. Kucki mankemal dä Sporte. Unde dä Gunthere Jauck. Iste ein gute Mann, molto intelligente und mit gute Gesmake fur der Krawatt.“
„Den sehen wir sehr gerne, den Herrn Jauch,“ sagte Ursula Marcipane und stellte die Tüten ab. Ihr Mann hatte seine Wurst verzehrt und lauerte auf die nächste Frage des Reporters.
„Und was sehen Sie noch gerne?“
„Dä verruckte Gottschalke sehnwi auk. Eine Kerl iste das. Aber uber’aupte keine Funke Gesmake.“
„Sonst sehen Sie aber nichts.“
„Doch, sehi auk dä Wontorra unde die Lattek am Sonntage. Und Fusseball immer, naturelik. Und dann die Sendunge mit Kochen. Und naturelik miti Finanzmann und die arme Leut. Unde dä Kärner auke mankemal.“
„Da schläfst Du immer ein. Dabei ist der sehr gut aussehend, der Kerner.“
„Bini swul?“
„So ganz passt das aber nicht zusammen. Eben noch haben Sie gesagt, Sie interessieren sich nicht für das Fernsehen.“
„Ahhh! Tu i auke nikte! Ganze dumme Dinge da sinde mir auk egal.“
„Gut. Naja. Dann vielen Dank jedenfalls.“
„No eine Frag: Sage Sie mal, wann kommte Ihre Sendung?“