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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.03.2009

102_Ein Dramolett

Das ZDF plant eine Neuverflimung von Moby Dick. Da würde man ja gerne in einem Gremium Mäuschen spielen, wenn sie über die Besetzung nachdenken. Eigentlich kommt ja für den Captain Ahab reflexhaft nur einer in Frage: Armin Müller-Stahl. Der Mann kann ja alles spielen, wahrscheinlich könnte er sogar nur das Holzbein von Captain Ahab spielen. Vermutlich hat er jedoch keine Zeit. Er wird bestimmt anderswo schon gebraucht, als dynastischer Kaufmann oder als alter Nazi oder so. Dann muss man eben umbesetzen.
Wie wäre es zum Beispiel mit Michael Mendl? Der hat in „Der Untergang“ einen General verkörpert und in „Die Gustloff“ einen Kapitän. Immer, wenn Wasser eindringt oder Hacken knallen, ist Mendl zur Stelle. Auch mit schwierigen Personen der Zeitgeschichte kennt er sich aus, denn er war auch mal Willy Brandt.
Mendl wäre als Ahab die richtige Wahl, außer Robert Atzorn hat Zeit. Unser Lehrer Doktor Specht, das funkelnde Zentralgestirn im Himmel des deutschen TV-Dramoletts. Zu den unabweisbaren Vorzügen Atzorns gehört, dass er böse gucken kann und neunfach als Kapitän gedient hat, und zwar in der Serie „Der Kapitän.“ Außerdem stünde ihm ein Backenbart hervorragend und das ist letztlich das Wichtigste an der Rolle. Bin mal gespannt, wie sie entscheiden. Zukunftsprojekte beim Fernsehen sind immer aufregend, auch in der ARD, der ich gerne folgendes Exposé anbieten würde, Sendetermin Freitag um 20.15 Uhr.
Das Gestüt von Anna Engel steht kurz vor der Insolvenz, denn ihre Pferde erkranken auf geheimnisvolle Weise immer dann, wenn sie verkauft werden sollen und erzielen bei weitem nicht die Preise, die Anna sich erhofft. Bereits die Hälfte der Tiere wurde auf diese Weise günstig vom Pferdebaron Arthur Möllenhauer übernommen. Kaum in seinem Besitz gesunden die Gäule und er verkauft sie mit Gewinn. Das Wasser steht der hübschen Blondine bis zum Hals, hinzu kommt die Enttäuschung ihres Vaters Heinrich. Der hat ihr den Betrieb übergeben, um sich der Landschaftsmalerei zu widmen und muss nun mit ansehen, wie sein Lebenswerk seinem einstigen Konkurrenten Möllenhauer zufällt.
Da taucht der ebenso vermögende wie verwitwete Felix Sommer auf. Er hat seine zwölfjährige Tochter Clara dabei. Diese ist seit einem Reitunfall gelähmt. Sommer hofft, dass sie auf dem Rücken eines Pferdes doch noch gesund werden kann, weil er das geträumt hat, als er alleine in seiner Hälfte des Ehebettes lag. Anna lehnt es zunächst ab, mit Clara zu arbeiten, denn ihre Zeit als Reitlehrerin und Kindertherapeutin liegt lange zurück. Doch als sie Claras Tränen sieht, erinnert sie sich an ihre eigene Kindheit, die von dem frühen Tod ihres Bruders Michael überschattet wurde, welcher eines Tages vom Pferd in einen Gebirgsbach fiel und ertrank.
Schließlich kümmert sie sich um das Kind, während der Bankrott immer näher rückt. Dennoch haben der Witwer und die verschuldete Pferdezüchterin Zeit, miteinander Picknick zu machen und sich mit Scheibletten zu füttern, während die auf einen Wallachrücken festgezurrte Clara ständig im Hintergrund vorbei reitet. Clara ist es dann, die herausfindet, warum die Tiere plötzlich erkranken, sobald sie zum Verkauf stehen: Der sinistre Stallknecht Olaf vergiftet im Auftrag von Möllenhauer die Pferde, um den Preis zu drücken.
Als Clara ihn zur Rede stellt, fährt Olaf sie im Rollstuhl zu jenem Gebirgsbach, wo schon Anna Engels Bruder ertrank. Dabei erfährt Clara, dass Olaf schon damals vor zwanzig Jahren seine Hände bei Michaels Unfall im Spiel hatte, weil er nicht ertragen konnte, dass dieser zuvor von Heinrich Engels adoptiert worden war und nicht er. Gerade in dem Moment, als Olaf das Mädchen in den Bach stürzen will, fällt ihm Felix Sommer in den Arm und gibt sich als Michael zu erkennen, der keineswegs ertrank, sondern von einem Ehepaar gefunden und angenommen wurde. Die Sommers ermöglichten Felix das BWL-Studium, welches ihn dazu befähigt, das Gestüt zu retten, nachdem Olaf von der Polizei abgeführt wurde. Der reuige Möllenhauer gibt die Pferde zurück und isst mit Vater Heinrich ein Schinkenbrot.
Felix/Michael und Anna Engels können beruhigt heiraten, nachdem sie geschnallt haben, dass sie nicht blutsverwandt sind. Und Clara gewinnt am Ende ein Springreitturnier. Und alles ist dufte. Top Fernsehunterhaltung, oder?