Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.04.2009

104_Meine Homepage

Verstehen Sie mich nicht falsch: Das Internet ist toll. Man kann Briefchen verschicken, recherchieren, Filme gucken, die entlegendsten Winkel der Welt auskundschaften und kaufen, kaufen, kaufen. Das ist im Prinzip super, aber genau das geht mir, sorry, momentan schwer auf den Senkel. Immer neue Geschäftsideen prasseln auf mich ein, ständig neue Tools, Spiele, Applikationen, die ich mir sogar kostenlos downloaden kann, was den Druck noch verstärkt. Also lade ich, lade, lade, was die Festplatte hergibt, probiere den Quatsch auf meinem Handy aus und schmeiße ihn gleich wieder weg. Zudem werde ich andauernd angehalten, fremde Menschen für ihre Dienstleistungen mit Sternchen zu bewerten. Was haben die Menschen bloß mit Ihrer Zeit angefangen, bevor sie Sternchen vergeben durften? Wahrscheinlich wird es eines Tages in der U-Bahn kleine Terminals geben, an denen man dem U-Bahn-Fahrer fünf Sterne für eine Fahrt vom Münchner Marienplatz nach Schwabing geben darf. Oder nur zwei. Wenn seine durchschnittliche Bewertung auf unter zwei absackt, wird er gefeuert.
Mehr als eine Stunde am Tag verbringe ich damit, Konversation zu betreiben, die ich nicht betriebe, wenn ich kein Internet hätte. Ich kaufe mir haufenweise digitalen Mist, weil es mir Freude bereitet, seine nutzlosen Vorteile zu entdecken. Nur eines besitze ich bisher nicht: eine Homepage.
Jeder Metzger hat heute eine Website, die der Schlachtermeister mit der ganzen Verve seines gestalterischen Könnens in seiner Freizeit selber gebastelt hat, um seine Kunden über die Qualität seiner Plockwurst auf dem Laufenden und mit Angeboten für Riesenschlachtplatten in Atem zu halten. Man kann seine Kaffeetassen online erwerben, auf denen steht: „Deutsche Wurst – echt stark!“ Manchmal glaube ich, dass ich der einzige Deutsche ohne Website bin.
Ich kann damit prima leben, aber Freunde und Bekannte triezen mich seit Jahren mit der Behauptung, dass ich Ruhm und Einkommen mit einer Homepage kolossal mehren könne. Und das bei geringem Krafteinsatz. Vor einigen Tagen besuchte mich ein Freund und berichtete von seiner neuen Idee, einen Männerchor zu gründen. Dieser träfe sich zukünftig jeden Donnerstag bei ihm und ich könne gerne beitreten. Ich fand das gut und sagte, das könne ihn aus der Einsamkeit seines digitalen Höhlentums befreien, worauf er einwendete, ich habe ihn wohl nicht richtig verstanden. Man träfe sich bei ihm im Internet, es handele sich um eine Art Konferenzschaltung mit Kameras, bei der jeder zu sehen und zu hören sei, man könne FÜR DIE GANZE WELT auftreten, ohne dass einer der Sänger den Schreibtisch verlassen müsse, das sei eine soziale Revolution und die Zeitverzögerung, die durch Vernetzung mit Freunden in Neuseeland entstehe, mache zauberhafte Kanons möglich. Und im Übrigen benötige jemand wie ich ganz dringend eine Homepage, ob er mir das nicht schon mal gesagt habe?
Mein Widerstand bröckelt. Also besuchte ich eine Firma, die so etwas macht, denn das kann ich nicht und ich habe auch keine Zeit dazu. In meinen Augen sind HTML-Programmierer lichtscheue Grottenolme mit riesigen Fingerkuppen, die sich von Kaffee und Kabelresten ernähren und Programmiererwitze erzählen wie diesen hier: Ein Ingenieur, ein Physiker und ein Microsoft-Programmierer fahren im Auto. Das Auto bleibt plötzlich stehen. Sagt der Ingenieur: “Mist, das liegt bestimmt am Benzin, das wir vorhin getankt haben!” Antwortet der Physiker: “Ach was, das liegt bestimmt an der Zylinderkopfdichtung!“ Erwidert der Microsoft-Programmierer: “Ich hab’s: Jetzt steigen wir aus und wieder ein – und dann geht’s schon wieder.“
Ich saß in einem Konferenzzimmer und sah vierzig Minuten einem jungen Mann bei seinen Ausführungen zu und dachte an was Schönes. Dann fragte ich ihn nur so zum Spaß, warum ich noch mal so eine Website bräuchte und er antwortete kühl: „Um teilzuhaben an den Entwicklungsmöglichkeiten des World Wide Web, um neue Wege in der Kommunikation mit Freunden und Usern zu gehen und um im E-Commerce am Wettbewerb teilnehmen zu können.“ Das war beeindruckend. Ich fragte, was er sich denn so für einen E-Commerce bei mir vorstelle. „Na, zum Beispiel Kaffeetassen mit starken, auf sie zugeschnittenen Motiven.“ Ja, super. Genau. Machen wir. Dafür ist das Internet schließlich da.