Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.04.2009

105_Der Erdzwerg

Oft sind es die allerkleinsten Dinge, die unser Leben am meisten beeinträchtigen. Wie zum Beispiel jener winzige Himbeerkern, der mich gestern Abend in den Wahnsinn trieb. Kleiner als ein Stecknadelkopf, aber für mich größer als die Klimakatastrophe. Jedenfalls gestern, wo ich stundenlang mit der Zungenspitze zu ergründen versuchte, wo der Mistkerl feststeckte: Oben rechts oder unten rechts?
Ebenfalls klein: Atome, die von bärtigen Schurken gespalten werden, um Mitmenschen mit dem Ergebnis zu bedrohen sowie die nervigen Krümelchen in unserer Spülmaschine. Überall an Tellern und Gläsern klebt diese Ameisenscheiße. Neulich besuchte uns daher ein gewisser Herr Brahms; er trug einen blauen Overall und ich zeigte ihm die Spülmaschine und sagte: Sehen Sie? Überall dieses Zeug.“ Er antwortete: „Nicht überall. An diesem Teller ist nichts zu sehen. Der ist tadellos sauber.“ Um etwas Kluges zu sagen tippte ich auf Lochfraß, aber er sah mich nur mitleidig an und schob das Krümelproblem auf uns, indem er behauptete, es handele sich um Dreck, der nicht mehr durchs verstopfte Sieb passte. Dann übergab er mir eine Honorarnote über 72 Euro. Kleine Krümel, große Wirkung. Das gilt auch für unseren Sohn Nick. Während ich gestern schrieb und mich mit an dem Himbeerdings aufrieb, kam er mit einer Geschichte von etwas ziemlich kleinem, das ihn aber sehr ängstige: Dem Erdzwerg. Er sagte: „Papa, ich muss Dir was erzählen.“
„Du kannst es mir später erzählen. Ich muss leider arbeiten.“
„Es dauert nur kurz.“
Ich sah ein, dass es nur länger dauern würde, wenn ich mit ihm diskutierte. Und ich konnte mich sowieso nicht konzentrieren, wegen des verfluchten Himbeerkerns.
„Der Nicolas hat ein Loch in seinem Garten gegraben, das war so tief, dass er auf eine rote Mütze gestoßen ist.“ Super Geschichte! Gefiel mir auf Anhieb.
„Und wem gehört die Mütze?“
„Dem Erdzwerg!“
„Der hat die da vergessen, oder wie?“
„Nein, der hatte die auf! Der Nicolas hat den Erdzwerg ausgegraben!“ Huch! Ganz schön gruselig. Der Erdzwerg!
„Und was ist dann passiert?“ fragte ich mit ehrlicher Neugier.
„Der Erdzwerg hat zum Nicolas gesagt, dass er ihn geweckt habe und dass der Nicolas zur Strafe nie wieder schlafen kann. “
„Und was hat der Zwerg dann gemacht?“
„Nix, der Nicolas hat wie ein Irrer die ganze Erde zurück geschaufelt und da war der Zwerg wieder weg. Aber deshalb kann der Nicolas nicht mehr schlafen. Und ich kann auch nicht mehr schlafen.“
„Was hast Du denn damit zu tun?“
„Ich muss immer an den Erdzwerg denken.“
Das leuchtete mir ein, aber ich war nicht ganz sicher, ob er eine Traumatherapie benötigte oder nur das Schlafengehen hinauszögern wollte. Er ist raffiniert. Aber empfindsam.
„Du möchtest länger aufbleiben?“
„Ich muss. Ich kann erst mit Dir ins Bett gehen.“
„Ich gehe erst schlafen, wenn ich die Kolumne fertig habe. Du kannst Dich auf die Couch legen und zuhören wie ich schreibe.“ Er legte sich hin und ich klapperte vor mich hin. Zwischendurch fluchte ich über das kleine Dinglein zwischen meinen Zähnen.
„Was hast Du, Papa?“ fragte Nick müde.
Ich erklärte ihm das mit den winzigen Dingen, zu denen die Atome und die Spülmaschinenkrümel und die Erdzwerge und die Himbeerkerne gehören und dass da gewiss Zusammenhänge existierten. Nick antwortete matt: „Du musst ein bisschen Wasser zwischen den Zähnen hin und her spülen, dann geht der Kern raus.“ Dann schlief er ein. Ich spülte den Kern aus, trug Nick ins Bett und konnte dann ewig nicht schlafen. Ich musste ständig an diesen schrecklichen Erdzwerg denken.