Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.04.2009

106_Krise? Welche Krise?

Die wichtigste Frage in der Krise ist ja immer: Wie lange soll das eigentlich noch so weiter gehen? Das kommt natürlich auf die Art der Krise an. Bei Ehekrisen hängt deren Dauer erst einmal von einem selber ab, während man sich bei Weltwirtschaftskrisen weitgehend machtlos und ausgeliefert fühlt, womit ich übrigens nicht behaupten möchte, dass dieses Gefühl einem Ehegatten komplett unbekannt wäre. Auf jeden Fall verunsichert uns die Krise, sie raubt uns Kräfte, die Qualität des Denkens leidet ebenso wie die des Mittagessens, wenn dort an teuren aber notwendigen Zutaten gespart werden muss. Und über allem kreist die Frage: „Wie lange dauert dieser Zustand wohl noch?“ Und da kann ich Ihnen heute weiterhelfen. Ich darf Ihnen aber bereits jetzt die Kolumne vorstellen, die in der Stern-Ausgabe 19 des kommenden Jahres stehen wird. Sie lesen also hier schon, was alles bis dahin geschehen sein wird.
„Krise? Was denn für eine Krise? Ach so, die! Vorbei, zum Glück, alles dufte bei uns in Deutschland. Letztes Jahr um diese Zeit, im April 2008, da herrschte bei uns miese Laune, sogar das Kaufhaus des Westens sollte verkauft werden und fast jeder Deutsche samt Arbeitgeber nahm staatliche Hilfe in Anspruch und der VfL Wolfsburg führte die Tabelle der Fußball-Bundesliga an. Ein Alptraum! Und heute, nur ein Jährchen später, wehen schon wieder die schwarz-rot-goldenen Fähnchen an sämtlichen Autos. Der große Aufschwung begann damit, dass im Herbst die FIFA verkündete, die Fußballweltmeisterschaft doch nicht in Südafrika austragen zu lassen, weil es dort nicht genug Straßen gibt, um die deutschen Touristen sicher ins Stadion zu bringen. Die Funktionäre besannen sich darauf, dass die Deutschen jede Menge Straßen besitzen und gerade erst eine tolle WM ausgerichtet haben.
Da hat sich die Stimmung bei uns gleich etwas aufgehellt und wurde immer greller, als der neue Bundeskanzler Karl-Theodor zu Guttenberg der Krise befahl, zeitnah aufzuhören. Überhaupt forderte zu Guttenberg alle Deutschen auf, augenblicklich das Gejammer einzustellen und sich ein Beispiel an Guido Westerwelle zu nehmen, welcher auch nicht heule, obwohl er guten Grund dazu habe, weil er nach der Bundestagswahl weder Wahlsieger noch Außenminister geworden und daher ausgewandert sei, um in Zukunft Herrenmode in Bolivien zu verkaufen. Ähnliche Modelle bot die neue Regierung allen Politikern und Managern an, die für die Krise standen und ihren Landsleuten seit Jahren die Laune vermiest haben. Viele nahmen dankbar an: Oskar Lafontaine wurde zum Beispiel nach Lettland exportiert, wo er im kleineren Rahmen eine neue Gesellschaftsform etablieren möchte. Zu Guttenbergs Vorgängerin Angela Merkel führt mit ihrem Gatten ein kleines Fischrestaurant im Seeheilbad Graal-Müritz. Den Personenschutz der Bundesregierung darf sie dabei noch so lange in Anspruch nehmen, bis sie die Küche richtig im Griff hat. Peer Steinbrück wurde E-Jugend-Trainer beim BV Westfalia Wickede 1910 e.V. und der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann absolviert ein Praktikum in einer japanischen Kürbiszucht.
Seit die Protagonisten der Krise von der Bildfläche verschwunden und durch Betriebsnudeln wie Dieter Bohlen, Thekla-Carola Wied, DJ Bobo und Marcel Reich-Ranicki ersetzt wurden, die auch mal Klartext reden, aber immer mit einem Augenzwinkern, geht es unaufhaltsam aufwärts mit dem Land. Die Deutschen kaufen plötzlich wie besessen die neuen Solarautos von Porsche und Mercedes, sie schrauben Milliarden von Photovoltaik-Zellen an ihre Dächer, sie ernähren sich gesund, nehmen den Kampf gegen den Müll auf und sie renovieren ihre Gästezimmer für die vielen WM-Besucher aus aller Welt.
Es sind nur noch knapp zehn Wochen bis zum Gewinn der Fußballweltmeisterschaft und wir sind das glücklichste Volk der Erde. Das soll gerne so bleiben. Vielleicht passt dazu die kurze Meldung von heute Morgen, dass deutsche Asphalt-Hersteller gerade Ärger mit ihren Kunden aus Polen und der Ukraine haben, weil sie ihnen tatsächlich minderwertiges Baumaterial für deren Straßen angedreht haben sollen. Es handelt sich dabei um die Vollstreckung eines genialen Planes von Bundeskanzler zu Guttenberg: Wenn in Polen und der Ukraine die Straßen zur EM 2012 nicht fertig werden, muss die Europameisterschaft eben woanders stattfinden. Und wo sonst, wenn nicht bei uns, im topgelaunten Super-Deutschland?“