Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.04.2009

107_Der Beste von die Beste

Schönes Wetter. Da kann man ja mal beschwingt mit dem Fahrrad durch die Nachbarschaft fahren. Genau wie Johannes B. Kerner in der Werbung, bloß ohne Wurst. Oder: Minigolf spielen. Mein Sohn Nick ist ganz scharf darauf, seit er vor ein paar Tagen einen krummen Putter aus dem Abfall der Nachbarn gezogen hat. Sein Opa Antonio, der gerade bei uns Urlaub macht, hat ihn mit der Idee angefixt, das Ding auf einem Minigolfground auszuprobieren.
Erst zögere ich, doch dann gefällt mir der Gedanke. Zum einen schult das Spiel die Koordination und lehrt auch den jungen Spieler eine gewisse Demut sowie Fairness und soziale Kompetenz. Außerdem unternimmt man etwas an der frischen Luft. Antonio verkündet beim Aufbruch, er sei „Beste von Beste in internationale Vergleich.“
Am Platz angekommen, stellen wir uns hinter einer Großfamilie an, die mit Dreiviertelhosen und ulkigen Sandalen erschienen ist, weil es beim Minigolf keine ästhetischen Grundregeln und somit auch keine Kleidungsetikette gibt. Diese Form der Demokratie ist scheußlich, aber hinnehmbar, zumal wenn der eigene Schwiegervater zur Begrüßung des Platzwartes die italienische Nationalhymne anstimmt.
Die Gruppe vor uns besteht aus neun Personen, die sich am ersten Loch anstellen wie Dänen im Hochgebirge, obwohl das Loch pippieierleicht ist, wie mein sechsjähriger Sohn tadelnd feststellt. Als wir nach einer Viertelstunde an den Abschlag treten, ist Antonio verschwunden. Er hat entschieden, mit dem 16. Kurs zu beginnen, weil dort gerade niemand spielt. Das verstößt gegen die Platzregeln und das sage ich auch, aber es beeindruckt weder ihn noch Nick, der sich seinem Opa als Bonushindernis in den Weg stellt. Schließlich überzeuge ich sie, doch mit dem ersten Loch zu beginnen und nachdem Nick und Antonio mit gemeinsam neun Schlägen eingelocht haben, ziehen wir zur zweiten Bahn, an welcher abermals die grobmotorische Großfamilie steht.
Antonio dauert das nun alles zu lange. Um die Warterei zu überbrücken, hole ich Eis. Bei meiner Rückkehr größere Aufregung. Ein rotköpfiger Herr aus der Gruppe vor uns vermisst seinen Schläger. Eben habe er ihn noch gehabt. Seine Mitspieler und er schwärmen aus, das Eisen zu suchen und Antonio fragt sie, ob wir währenddessen eventuell überholen dürften.
Bei jedem Schlag misst Antonio zunächst die Entfernung zum Loch, murmelt vor sich hin und tippt dann mit gespitzten Lippen gegen den Ball, der mühsam, aber von Antonio lautstark angefeuert über den Belag hoppelt, um schließlich im Grenzgebiet zwischen Blumenkästen und Seitenbegrenzungen unspielbar liegen zu bleiben, worauf Antonio behauptet, es handele sich um reine Platzfehler, welche er korrigiert, indem er den Ball direkt vors Loch legt.
Bei Bahn Nummer Acht muss Nick auf die Toilette. Antonio begleitet ihn und ich übe ein wenig, als der Mann mit dem roten Kopf in Begleitung des Platzwartes auf mich zusteuert.
„Sie da,“ ruft er, aber ich reagiere nicht, denn ich muss mich auf den Abschlag konzentrieren. Beim Minigolf ist höchste Konzentration geboten; man muss auch die kleinen Dinge ernst nehmen, sonst kommt man zu nichts.
„He, Sie haben meinen Schläger versteckt.“
„Ich? Wie kommen Sie denn darauf?“
„Wir haben ihn gerade im Abfallkorb von Loch 16 entdeckt. Und ich habe ihn da bestimmt nicht hineingetan. Unverschämtheit!“
„Sie sollten sich schämen,“ sekundiert der Platzwart. Dann streckt er die Hände aus und fordert meinen Ball, das Eisen sowie meine Ergebniskarte. Er spricht ein Platzverbot aus und verweist mich des Geländes.
Nick und Antonio haben das Match dann noch zu Ende gespielt, es hätte ja keinen Sinn gehabt, das einfach mittendrin abzubrechen. Mein Sohn hat übrigens gewonnen, mit zwei Schlägen Vorsprung. Und das gegen den Besten der Besten im internationalen Vergleich. Da bin ich schon stolz jetzt.