Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.08.2009

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Schwere Irritation bei unserer Tochter. „Ich wünsche mir ein Einzelkind,“ hat sie mich vorhin zu meiner Frau Sara sagen hören – und war verstimmt. Die Zehnjährigen sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Sofort beleidigt. Wahrscheinlich müssen wir zu einem Psychologen mit ihr, weil sie ein Trauma erworben hat und sich jetzt abgelehnt fühlt. Es wird damit enden, dass sie mir aus Rache kein Spritzgebäck mitbringt, wenn sie mich später mal im Altenstift besucht.
Dabei war die ganze Sache ein Missverständnis. Sie hat sich verhört, ich wünsche mir nämlich keineswegs ein Einzelkind, sondern ein Einzelkinn. Das kommt, weil ich in der letzten Zeit ein Doppelkinn hatte. Nicht immer, aber beim nach unten gucken. Bin auch nur ein Mensch. Jedenfalls reagierte Carla zunächst verstört.
Genau wie ich, als ich vor vielen Jahren einmal zur Beute meines schwachen Hörsinns wurde. Ich hatte eine Frau angesprochen, weil sie mir gefiel. Sie saß in einem Café und las ein Buch. Ich fragte sie: „Was lesen Sie denn da?“ und sie antwortete: „Houellebecq,“ was ich natürlich sofort extrem aufregend fand wegen der Erotik und so. Also lud ich sie zu einem Kaffee ein. Während wir diesen einnahmen, erzählte sie mir von der Lektüre des Buches und den daraus resultierenden theoretischen, empirischen und methodologischen Fragen des Grundlagenwandels moderner Gesellschaften. Ich fragte mich, was daran sexy sein sollte und in welchem von Houllebecqs Romanen dezidiert davon die Rede sein mochte. Letztlich fand ich die Frau dann doch nicht mehr so aufregend, nachdem sich herausstellte, dass ich mich verhört hatte und sie keineswegs Houellebecq las, sondern Ulrich Beck. Soziologie, achtes Semester. Vermutlich interessant, aber nicht unbedingt ein erotisches Versprechen erster Kajüte. Ich nahm mir vor, mal einen Hörtest zu absolvieren. Das soll man in Abständen machen. Zehn Jahre alte Mädchen müssen dies nicht unbedingt, bei Ihnen reicht es, wenn sie sich von Zeit zu Zeit die Ohren waschen und aufmerksam zuhören, wenn der Vater spricht.
Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, wunderte sich Carla darüber, dass ich mir Sorgen um mein Doppelkinn machte. Ich sei doch ein steinalter Mann und derartige Kümmernisse stünden nur jungen Menschen zu. In Carlas Vorstellung machen sich Zwanzigjährige um nichts anderes Sorgen als um ihre Figur, denn die meisten Zwanzigjährigen, die unsere Tochter zur Kenntnis nimmt, machen bei „Germany’s Next Topmodel“ mit.
Wir wollen nicht, dass sie diesen Mist ansieht. Wir haben es sogar verboten, denn die Werte, die dort vermittelt werden, finden wir grausam, die dort propagierte Elitenbildung schändlich und die Machart der Sendung beschissen. Das ist, wenn es überhaupt was ist, gar nichts für Kinder. Die werden davon versaut, viel mehr versaut als durch jedes kleine akustische Missverständnis. Trotzdem lieben schon kleine Mädchen die gouvernantenhafte Heidi Klum und hängen an ihren Lippen, was ich tragisch finde, weil das mit diesen Lippen verbundene Gehirn bedauerlicherweise das einzige Körperteil der Moderatorin ist, welches von der Natur nicht im Übermaß gesegnet wurde. Außerdem muss ihr mal jemand sagen, dass der Komparativ immer noch mit „als“ gebildet wird und nicht mit „wie.“ Egal. Jedenfalls soll Carla das nicht gucken. Schließlich durfte ich in ihrem Alter auch nicht „Ein Zombie hing am Glockenseil“ ansehen und das ist ungefähr dasselbe wie „Germany’s Next Topmodel.“
Nach der heutigen Zeitungslektüre keimt in dieser Sache Hoffnung, denn es könnte sein, dass die ganze Modelbranche dem Untergang durch Fortschritt geweiht ist: Soeben wurde in Japan ein humanoid aussehender Roboter mit Namen HRP-4C vorgestellt. Das 43 Kilogramm schwere Gerät besitzt eine weibliche Topfigur, ein sehr zartes Gesicht mit porentief reiner Haut aus Silikon und schwarzes Haar. Es kann gehen wie ein Fotomodell und ist in der Lage, Kleidung vorzuführen ohne hinter den Kulissen einen Schreikrampf zu bekommen oder sich zu übergeben. Es fehlt eigentlich nur ein Sprachmodul, mit dem es den Unsinn reden kann, den Frau Klums Kandidatinnen in demütiger Schlichtheit so von sich geben. Es ist aber sicher technisch möglich, so etwas einzubauen. Man drückt drauf und das Ding sagt reflexhaft: „Schlebe meinen Traum.“ Auch wieder eine grauenhafte Vorstellung, zumal ich annehmen muss, dass Carla dann unbedingt so sein will wie HRP-4C.