Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.05.2009

110_Berlin, Berlin!

Das Leben mit einem Pubertier beschert einem fast täglich neue Erkenntnisgewinne. Im Rahmen der Erforschung ihrer Grenzen erklärte Carla mir zum Beispiel heute morgen, sie würde gerne mal nach Berlin fahren. Alleine. Sie ist elf und ich antwortete, sie sei zu jung, um dort ganz alleine herumzulaufen. Sie konterte mit dem Hinweis, dass sie sicher sei, es gäbe in Berlin tausende von Elfjährigen, die dort alleine herum liefen. Mein Hinweis, dass die aber dafür nicht extra vorher ins Flugzeug steigen müssten, weil sie in Berlin wohnten, tat sie mit einer Miss-Piggyesken Handbewegung ab und bescheinigte mir nicht zum ersten Mal Spießigkeit und Kleinmut. Aber es bleibt dabei: Nach Berlin darf man erst mit fünfzehn. Und damit Basta.
Was Sie da eigentlich wolle, fragte ich sie.
„Einfach ein bisschen abhängen und was kaufen.“
„Um ein bisschen abzuhängen und was zu kaufen musst Du nicht nach Berlin fliegen. Das kannst Du hier auch.“
„Hier?“ Sie sagte dieses kleine Wort mit nicht mehr steigerbarer Verachtung. Man muss dazu sagen, dass wir auf einem Dorf leben. Mit Kühen und Obstbäumen und einer S-Bahn-Haltestelle, von wo man drei Mal pro Stunde in eine Millionenstadt fahren kann, die für unsere Tochter allerdings mit dem nicht tilgbaren Makel behaftet ist, nicht Berlin zu sein.
„Was ist denn an Berlin so toll?“ frage ich sie.
„Es ist eben nicht so pupig und da sind die coolsten Leute.“
Die coolsten Leute sind alle schon erwachsen, denke ich. Die bleiben gerne unter sich. Aber ich bringe es nicht übers Herz, sie mit dieser gemeinen Wahrheit zu konfrontieren. Deshalb sage ich: „Die in Berlin tun nur so toll. In Wirklichkeit haben die nicht einmal frische Milch in Berlin.“ Aber meine Tochter pfeift auf frische Milch und sie sagt: „Papa, Du bist eine totale Provinzwurst.“
Dafür muss sie in ihr Zimmer gehen und Latein übern. Das hat sie jetzt davon. Provinzwurst. Möchte mal wissen, wo sie das her hat. Nach einer Viertelstunde schwant mir, dass sie einerseits entschieden viel zu früh damit anfängt, meinen Lebensentwurf zu kritisieren und andererseits absolut Recht hat. Aber na und? Ich lebe gerne auf dem Land, lieber als in der Stadt. Das hatte ich schon, bis wir der Kinder wegen aufs Land gezogen sind.
Bewohner urbaner Weltgegenden glauben, dass Menschen, die auf dem Land leben, unendlich traurig darüber sind und deshalb am Wochenende in riesigen Zelten oder Scheunen kompensatorische, aber sinnlose Späße veranstalten wie Wurstwasserwetttrinken und dass sie am liebsten Weizenbier mit Bananensaft in gläsernen Zweiliterstiefeln bestellen. Gut, das Letzte stimmt auch. Aber das Nachtleben in Berlin unterscheidet sich in seinen Bräuchen auch nur graduell. Man muss zudem ewig weit fahren, um von einer guten Kneipe zur nächsten zu kommen und landet schließlich in einer Techno-Disco, die metastasenhaft von englischen Touristen bevölkert wird, welche mit Billigfliegern in die Stadt kommen, weil man in Berlin so günstig saufen kann und die sich aufführen wie bayerische Traktormonteure im Bierzelt.
Trotz ihrer angeblichen Weltläufigkeit versuchen die Berliner im Alltag übrigens alles, um in ihrem Bezirk genauso dörflich zu leben wie ich. Der Berliner verlässt freiwillig niemals den Radius der preußischen Landmeile, der seinen Kiez begrenzt. Man kann von einem Kreuzberger nicht verlangen, mal nach Charlottenburg zu kommen und einen Weddinger zieht es unter keinen Umständen nach Schöneberg. „Da war ich noch nie,“ wird er sagen und es klingt so, als könne man da auch gar nicht hinfahren.
Im Grunde genommen leben die Berliner also keineswegs in einer Stadt, sondern in Dörfern. Die meisten von ihnen haben einen astreinen S-Bahn-Anschluss und somit verschwimmen die Unterschiede zu unserem Kaff. Carla wird noch ungefähr zwanzig Jahre brauchen, um das zu verinnerlichen. Bis dahin müssen wir noch ein bisschen diskutieren. Eben kam sie aus ihrem Zimmer, wo sie ein wenig über Berlin gegoogelt hat. Ob ich das Berghain kenne, da wolle sie nämlich unbedingt mal hin.