Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.06.2009

113_Der Heizpilztrip

Habe unter einem Heizpilz transzendiert. Ausgelöst wurde dieser zunächst beunruhigende Vorgang durch den enormen Temperaturunterschied von meinem Hinterkopf und meinem rechtem Ohr. Während die im rückwärtigen Teil meines Schädels untergebrachten Hirnregionen unter dem Einfluss der Heizpilzhitze schmolzen, Blasen warfen und vor sich hin kästen, blieb mein rechtes Ohr eiskalt, denn es befand sich auf der dem Heizpilz abgewandten Seite. Nach einer Weile entstanden so wechselwarme Gedankenströme.
Während Sara und unsere Gastgeber gegrillte Biomasse verzehrten und sich über die fachgerechte Haltung von Tomaten unterhielten, wurde ich immer stiller, verließ dann meinen Körper, drehte eine Runde über der Terrasse, sah in der Bibliothek der Shermer High School vorbei und fing etwas mit Molly Ringwald an, bevor ich wieder zurückkehrte und überrascht feststellte, dass ich erstens über vierzig bin und zweitens über eine nicht sehr wärmebeständige Rübe verfüge.
Die ganze Sache fing damit an, dass sich meine Kinder an diesem Abend langweilten. Nachdem sie ihre Würstchen verzehrt hatte, quengelten sie, weil sie sich nicht für Gespräche über Tomaten begeistern können, eine Haltung, die ich durchaus teile. Da wir hervorragende Eltern sind, schlugen wir ihnen vor, irgendeine DVD anzusehen. Der gastgebende Freund hatte aber keinen DVD-Player, nur einen sehr alten Videorekorder, der ihm genügte, denn er hat keine Kinder. „Was ist denn ein Videorekorder?“ fragte Carla angeekelt.
Ich erklärte ihr, dass es sogar einmal drei Systeme gegeben und dass sich letztlich VHS durchgesetzt habe und dass es noch gar nicht solange her sei, aber das war ihr egal. Meine Tochter hält die achtziger Jahre nicht für ein Jahrzehnt, sondern für ein Absurditäten-Aufbewahrungssystem. Und alles, was da drin ist, hat irgendwie mit ihrem Vater zu tun. Ob es in diesem komischen Videorekorder auch Filme von Pixar gäbe. Nein, Pixar gibt es nicht auf Video. „Fluch der Karibik“ auch nicht. Carla und Nick wurden nervös.
Mein Freund besaß hunderte von Videokassetten, aber das meiste war nichts für Elfjährige. Schließlich zog Carla ein Band aus dem Regal, auf dem stand: „Breakfast Club.“ Der ist von 1985. Wir erklärten den Kindern, dass es um Jugendliche ginge, die nachsitzen müssten und das die Musik ganz gut sei, aber es würde weder gesungen noch getanzt, es sei also nicht ganz dasselbe wie „High School Musical.“ Carla und Nick akzeptierten murrend die Auswahl und wir gingen wieder auf die Terrasse, wo mein Freund den Gasbrenner auf volle Leistung stellte. Eine halbe Stunde später begann dann die erwähnte Transzendenz.
Ich flog direkt in die Shermer High School, wo der „Breakfast Club“ spielt. Ich setzte mich zwischen Emilo Estevez, Ally Sheedy, Michael Anthony Hall, Judd Nelson und Molly Ringwald und hörte ihnen dabei zu, wie sie über verschiedene Aspekte ihrer Adoleszenz klagten. Den Film habe ich damals recht oft gesehen. In meiner Jugend fanden nämlich häufiger so genannte Videonächte statt. Man lieh sich drei bis vier Filme aus und lud einen Haufen Freunde ein. Dann schaute man gemeinsam zunächst irgendwas Lustiges an („Das Leben des Brian,“ „Frankenstein Junior“), danach etwas spannendes („Dirty Harry,“ „Rambo“) und schließlich, wenn die Hälfte schon pennte, etwas verbotenes (Zombie-Filme, „Assault – Anschlag bei Nacht“).
Manchmal eierten die Kassetten, die Musik quietschte, aber die Bildqualität erschien uns top. Auf diese Weise habe ich hunderte von Kinofilmen angesehen, manche von ihnen bis zu zwanzig Mal. Ich behaupte, dass sich die kulturelle Lebenserfahrung einer ganzen Generation aus derartigen Video-Erinnerungen speist. Menschen meines Alters können sich mühelos stundenlang anhand von Dialogzeilen aus irgendwelchen Filmen unterhalten. Auf meinem Heizpilztrip ging ich diese Passagen durch und wunderte mich darüber, dass sie mir einfielen.
Als wir nach Hause kamen, hatte ich Brandblasen am Kopf. Sara schmierte Salbe drauf und sagte: „Wie kann man nur so blöd sein.“ Und ich antwortete: „Ich will’n bisschen konstruktive Kritik hören.“ Das ist aus, na klar, „Blues Brothers.“ Weiß doch jeder.