Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.08.2009

122_Knäckebrot

Die Salzstange ist das Baguette des kleinen Mannes. Des sehr kleinen Mannes. In diesem Fall ist der kleine Mann sechs Jahre alt, heißt Nick, hockt neben mir am Schreibtisch und krümelt meine Tastatur voll. Eigentlich mag ich es nicht, wenn er neben mir sitzt, während ich arbeite. Er behauptet zwar immer, dass er ganz still bliebe und gar nichts mache, aber er hält sich nicht daran, zieht Schubladen auf und beschwert sich darüber, dass meine Arbeit langweilig sei. Ob man etwas am Computer spielen oder wenigstens ein paar Filme bei Youtube ansehen könne. Dann schmeißt er irgendwas runter, wird des Zimmers verwiesen und heult, worauf ich väterliche Schuldgefühle entwickle und zum Ausgleich eine halbe Stunde lang mit ihm Fußball spiele. Schließlich möchte ich nicht, dass er später Banken überfällt oder welche gründet und zu seiner Verteidigung anführt, sein Vater habe sich nicht um ihn gekümmert. Also Fußball. Und wer macht währenddessen meine Arbeit? Niemand.

Eben kam Nick auch wieder rein und machte eine Geste, der zufolge er seinen Mund mit einem Schlüssel verriegle. Ich gab ihm eine Chance und zeigte auf den Besucherstuhl neben meinem Schreibtisch. Er nahm Platz und zog eine Tüte Salzstangen hervor, die er geräuschvoll öffnete. Dann schaute er mir stumm dabei zu wie ich schrieb und krümelte Laugengebäck in meine Tastatur.

Das „k“ und das „ä“ knistern schon. Zum Glück brauche ich das „ä“ nicht sehr oft, außer heute, ausgerechnet in diesem Text, denn da kommt „Knäckebrot“ drin vor. Auch dies krümelt beträchtlich und ist eine der Leibspeisen meiner Frau Sara. Ich kann dieser Art von Brotgenuss nichts abgewinnen.

Knäckebrot essen ist wie Krieg. Es bringt die schlechtesten Eigenschaften der Menschen zum Vorschein. Krcks. Knusper. Raspel. Unsere ansonsten schon enervierend harmonische Ehe gerät in mariannengrabentiefe Krisen, sobald Sara Knäckebrot isst. Krck. Sie liebt das Zeug. Für mich ist das Ersatzbrot für nach dem Atomkrieg oder den zweiten Weihnachtstag. Diese beiden Ereignisse haben miteinander gemein, dass kein richtiges Brot mehr da ist. Knäckebrot erinnert mich an furnierte Presspanmöbel und piekst ins Zahnfleisch und macht Radau. Sara stört das wenig. Sie sitzt gern abends auf der Couch, knackt Knäcke und fragt alle fünf Minuten, was der Typ in dem Film gerade gesagt hat. Ich habe es aber genauso wenig verstanden wie sie, ich habe nur sie gehört. Und ihr Knäckebrot. Krcks.

Wenigstens schläft sie im Kino nicht ein. Das war die Spezialität einer früheren Freundin und hatte ursächlich damit zu tun, dass im Kino die Filme bei geringer Restbeleuchtung gezeigt werden. Dies führte bei ihr unverzüglich zum Einpennen. Egal wie laut der Film war, sie schlief nach fünf Minuten. Wenige Momente vor dem Ende des Films erwachte sie ruckartig und fragte: „Warum hat der denn jetzt einen Bart?“ Dann erzählte ich ihr den ganzen Film und verpasste den Schluss. Immerhin krümelte sie nicht im Schlaf. Die Verbindung hat dennoch nicht gehalten. Mit Sara klappt es gut, obwohl sie sich durchs Leben krümelt wie eine löchrige Zwiebacktüte.

Das sind die Gene, glaube ich. Sara ist die Tochter eines in den sechziger Jahren nach Deutschland eingewanderten Gastarbeiters. Ich glaube, ich habe das schon einmal irgendwann erwähnt. Ihr Vater heißt Antonio Marcipane und meine Kinder nennen ihn seit Jahren „Das Krümelmonster.“ Wie die meisten Italiener besteht für ihn ein Abendessen darin, Weißbrot in Atome zu spalten, welche anschließend überall auf dem Tisch, unter dem Tisch sowie in der Atemluft verstreut werden. Seine italienischen Krümelgene hat er an seine Tochter und gleich auch an seine beiden Enkelkinder weiter gegeben, was nicht nur unsere Tochter Carla beim Frühstück, sondern auch und besonders Nick eindrucksvoll zur Schau stellt.

Die Tüte mit den Salzstangen ist leer, meine Tastatur ist voll. Er beginnt sich zu langweilen und biegt Büroklammern auf. So kann ich nicht arbeiten. Also muss ich ihn rausschmeißen, was ihn wie immer empört. Ich setze mich wieder an den Schreibtisch, nehme die Tastatur in die Hand, drehe sie um und schüttle sie. Heraus fallen Krümel, Salzkristalle – und eine ganze Kolumne. Na so was!