Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.08.2009

123_Sterne

Eben gerade hat mich beim Joggen ein Regenwurm aufgehalten. Naja, eigentlich habe ich ihn aufgehalten: Ich bin drauf getreten. Ich spürte es kaum, aber dann eben doch, blickte mich um und sah ihn hälftig zerquetscht auf dem Weg kleben, wo sich das intakte seiner beiden Enden nach oben bog, dem Schöpfer entgegen, verzweifelt oder zumindest empört. Ich lief noch ein paar Schritte, dann kehrte ich um und legte eine Gedenkminute für ihn ein, was mit den wesentlichen Richtlinien des Joggens nicht zu vereinbaren ist. Aber ich finde, das macht man so. Man läuft nicht einfach weiter, wenn man einem anderen Geschöpf gerade das ganze Leben versaut hat. Man verabschiedet sich wenigstens ordentlich.
Den Rest der Strecke dachte ich darüber nach, wie oft ich wohl schon getötet haben mag. Wahrscheinlich 100 000 Mal! Schon beim Zähneputzen vernichte ich morgens Bataillone von Kleinstkreaturen. Lebewesen, die es sich nicht ausgesucht haben, in meinem Speichel zu hausen, deren Schicksal sie genau so gut Aufsichtsratsvorsitzende oder Skiweltmeister oder Lurche hätte werden lassen können. Ich lief durch eine ausgetrocknete Pfütze und versuchte, mir ein Bild von dem Leid zu machen, dass ich täglich verursache. Wenn man länger als eine Joggingrunde darüber nachdenkt, könnte einem ganz anders werden.
Mein Sohn Nick hat genau wie ich immer angst, aus Versehen jemanden tot zu machen, wie er es ausdrückt und putzt sich deshalb nur unter Aufsicht ordentlich die Zähne. Es ist ihm eine grauenhafte Vorstellung, seine beiden Freunde Karius und Baktus zu entmieten. Karius und Baktus sind zwei Burschen aus einem gleichnamigen norwegischen Kinderbuch. Sie leben im Gebiss eines kleinen Jungen und fertigen darin Löcher an, in denen sie wohnen. Am Ende des Buches putzt der Junge sich die Zähne und sie werden aus dem Mund in den Abfluss gespült. Nick macht sich große Sorgen, dass sie das nicht überleben und hat für sie ein zahnpastafreies Reservat in seiner linken Mundhälfte eingerichtet. Das berühmte und pädagogisch gut gemeinte Buch ging bei ihm jedenfalls voll nach hinten los. Noch mehr und tiefere Gedanken als über Bakterien und anderes Kleingetier macht er sich aber in letzter Zeit um den Fortbestand des Himmels.
Ich saß gestern an seinem Bett und wollte gerade das Licht ausmachen, als er plötzlich fragte: „Was ist, wenn die Sonne eines Tages auf die Erde fällt?“
„Das macht sie nicht, nicht in einer Million Jahren.“ Schätzte ich einfach mal so.
„Aber so ein Planet kann doch runterfallen!“ Das habe ihm sein Freund Anton erzählt.
„Nein, das geht nicht. Und außerdem ist die Sonne kein Planet, sondern ein Stern.“
Dann erzählte ich ihm, was ich selber gerade erst vor ein paar Tagen im Fernsehen gesehen hatte. Da war ein Astronaut aufgetreten und hatte behauptet, es existierten mehr Sterne im Weltall als Sandkörner auf der ganzen Erde. Keine Ahnung, woher er das wusste und ob er sie wirklich gezählt hat, aber die Vorstellung fand ich immens. Nick auch. Mit Sand kennt er sich als Sechsjähriger aus. Die Vorstellung der Unendlichkeit des Weltalls gefiel ihm gar nicht.
„Aber wenn es so viele Sterne gibt, kann man doch gar nicht wissen, ob nicht doch mal einer runterfällt.“
„Das ist wohl wahr, es sei denn man ist Astronom,“ antwortete ich und erklärte ihm, dass es Menschen auf der Erde gibt, die nichts anderes machen als die Sterne zu beobachten und genau aufzupassen, ob noch alle da sind. Ich fügte aus meiner laienhaften Kenntnis des Gestirnwesens hinzu, dass manchmal Sterne erlöschen und man aber noch jahrelang ihr Licht sehen kann, selbst wenn sie schon gar nicht mehr da seien. Das machte Nick erst recht nervös.
„Das heißt, dass ein Stern vielleicht schon tot ist und es eventuell gar nicht selber weiß?“
„So ungefähr.“
„Wenn also manchmal einer von diesen Sternen ausgeht und es gibt so viele davon, dann können doch die Astronomen auch mal einen übersehen, weil er nicht mehr leuchtet und dann fliegt er doch auf unser Haus.“
„Das wäre aber ein großer Zufall,“ sagte ich, um uns beide zu beruhigen. Bei Nick hat das auch geklappt. Aber ich konnte stundenlang nicht einschlafen. Was ist nur, wenn ein Stern mit ausgeschalteten Scheinwerfern runterfällt, ohne dass wir es gleich bemerken?