Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.08.2009

124_Dattelmann grillt

Der Weg des Menschen von seiner Geburt bis zu seinem Tod führt durch ziemlich exakt abgegrenzte Lebensphasen. Erst kommt der Bauch, dann die Wiege. Danach die Krabbelgruppe und anschließend der Kindergarten, gefolgt von Schule und Beruf. Das ist die längste Phase. Die letzten Abschnitte heißen dann Wohnzimmer, Seniorenheim, Erde. Nick, also wir, haben gerade Phase 4, den Kindergarten hinter uns. Wenn nicht noch etwas sehr unvorhergesehenes passiert, müssen wir nie mehr hin. Ich bin darüber nicht so unglücklich, denn Phase 4 war für mich nicht sehr einfach.
Kindergärtnerinnen hassen mich. Keine Ahnung warum. Immer haben sie mich aus funkelnden Augen angesehen, unter anderem weil Nick die Schimpfwörter lernt, die ich beim Autofahren verwende. Manchmal vergesse ich einfach, dass er hinter mir sitzt und hinterher sagt er „Penner“ oder „Dorfhonk“ oder „Hackfresse“ zu den Kindergärtnerinnen und das nimmt sie gegen mich ein. Jahrelang haben sie durchklingen lassen, dass sie eigentlich viel besser wüssten, wie man ein Kind erzieht. Ich spielte die Rolle des egoistischen Schurkens, der sein Kind tatsächlich erst um halb fünf abholte, weil der Kindergarten bis dahin auf hatte. Natürlich wäre ich auch um vier da gewesen, wenn sie früher Schluss gemacht hätten. Haben sie aber nicht.
Letzte Woche beim Frühstück gab ich mich erleichtert, weil die Lebensphase 4 nun hinter uns liegt, hatte die Rechnung jedoch ohne meine liebe Frau Sara gemacht. „So ganz hinter Dir hast Du es noch nicht. Ich habe Dich beim Sommerfest als Helfer eingetragen. Zum Grillen. Du bist von 14 Uhr bis 16 Uhr dran. Mit Ulrich.“
„Wer ist Ulrich?“
„Das ist der Vater von Chiara-Roxana.“
Ich erinnerte mich. Ulrich ist eine Mischung aus Rolf Zuckowsky, der Supper-Nanny und Elliot, dem Schmunzelmonster. Ein Vater, der alles richtig macht. Ein Supervater. Alptraum.
Als ich zum Dienst antrat, stand Ulrich bereits hinter dem von ihm mitgebrachten Gasgrill und hantierte vielhändig mit Würsten und Brötchen. Er trug einen lustigen Hut und eine Schürze. Meine Tätigkeit beschränkte sich darauf, die meist fünfjährigen Kunden darauf aufmerksam zu machen, dass sie erst einen Verzehrbon erwerben mussten, um in den Genuss einer Ökowurst Marke Ulrich zu gelangen. Ich sammelte die Bons ein und sagte zu Ulrich: „Zwei Rostbratwürste, einmal Nürnberger,“ worauf er grillierte. Zwischendurch erzog er seine zwei Kinder. Und seine Frau.
Diese stand neben ihm und unterhielt sich mit der Chefin des Kindergartens. Ihre Tochter Chiara-Roxana zerrte währenddessen an ihrer Hose und quatschte mit bemerkenswerter Impertinenz auf ihre Mutter ein, ohne dass diese darauf reagierte. Nach vier Minuten hielt Ulrich die Grillzange hoch und rief seiner Frau – ich schwöre, das ist wahr – zu: „Susi, Himmelherrgott, merkst Du denn nicht, dass Chiara-Roxana Dir ununterbrochen Gesprächsangebote macht?“ Er war richtig sauer. Chiara-Roxana teilte mit, dass sie in die Hose gemacht habe, worauf Susi mit ihr im Internierungslager für undichte Kinder verschwand. Ulrich grillte um sein Leben. Auf die Frage eines Knirpses, was es denn außer Wurst noch gäbe, antwortete er nicht ohne mittelständischen Kaufmannsstolz: „Du hast hier zwei Standartoptionen: große Wurst und kleine Wurst und jeweils als Upgrade Senf oder Ketchup.“
Um vier Uhr endete unsere Schicht. Ulrich zog die Schürze aus und nahm seinen zweijährigen Sohn an die Hand, der bis hierhin schweigend hinter ihm auf einem Karton Wurst verharrt hatte.
„So, Franck-Ribery, jetzt sag’mal schön tschüs und dann gehen wir nach Hause.“
„Sie nennen Ihren Sohn Franck Ribery? Das ist ja lustig.“
„So heißt er eben. Als Vorname, als Doppelname. Franck-Ribery.“
„Ach so. Und wie heißen Sie weiter?“
„Dattelmann.“
Und dann gingen sie, der große Ökowurstgriller Ulrich und sein Sohn. Franck-Ribery Dattelmann. Fast schade, dass wir Phase vier nun für immer hinter uns lassen. Aber bald ist ja erster Schultag.