Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.08.2009

125_Psychodruck total

Meine Familie befindet sich zurzeit im Pferdewahn. Ich habe nichts gegen Pferde. In meiner an Ignoranz grenzenden Laienhaftigkeit sind Pferde im Grunde genommen Kühe ohne Euter und Hörnchen. Ich fürchte mich ein wenig vor ihrer Größe und ihren französischlehrerhaften Zähnen, habe aber ansonsten keinerlei Beziehung zu diesen friedlichen Tieren. Wir leben weitgehend ohne Berührungspunkte nebeneinander her. Und bisher spielten Pferde auch keine große Rolle in unserer Ehe. Bis Karin kam.
Sie ist eine alte Freundin meiner Frau und zog vor einem halben Jahr in die Nachbarschaft. Sara und Karin frischten ihre Jugendfreundschaft wieder auf und eines Abends erzählte Sara, dass sie früher gemeinsam geritten seien, sogar in den Ferien auf einen von gleich gesinnten Mädchen berstenden Pferdehof fuhren und dort wochenlang striegelten, sich an ihren Schutzbefohlenen ausweinten und über flache Hindernisse jumpten.
Diese Seite an meiner Frau war mir bis dahin verborgen geblieben. Nie in war in 16 gemeinsamen Jahren die Rede von dieser mit den Jahren verschütt gegangenen Leidenschaft gewesen. Aber wir haben uns auch nie über meine adoleszente Playboy-Sammlung unterhalten, wenn ich es mir recht überlege. Und irgendwo ist das ja dasselbe. Jedenfalls holte uns Saras Kindheit massiv ein, denn Karin hatte im Gegensatz zu Sara nie mit dem Reiten aufgehört. Sie nahm Sara mit in den Stall, wo ihr Hannoveranerwallacharaberhengst steht, schnauft und pointenlos vor sich hin äpfelt. Ich durfte mitkommen.
Sara verwandelte sich in ein Zwölfjähriges Mädchen, gab „Burgunderkönig“ ein Stück Zucker und rupfte Heu aus dessen Mähne, während ich ständig damit rechnete, von „Burgunderkönig“ zertrampelt oder wenigstens angekackt zu werden. Als wir wieder zuhause waren, wollte Sara auch ein Pferd. „Ich will ein Pferd,“ sagte sie in einem Ton, zu dem nur Frauen in der Lage sind. „Und ich will einen Aston Martin DB9,“ antwortete ich. In ihm sind zu einem vergleichbar günstigen Preis gleich 476 Pferde enthalten und so ein Aston Martin riecht allenfalls nach Pferdeleder, aber nicht nach Pferd.
Wir vertagten die Diskussion über die Anschaffung eines Einhufers, zumal wir einen neuen Herd dringender brauchen. Sara fuhr zur Kompensation nun täglich in den Stall, um Burgunderkönig zu besuchen. Unsere Kinder Nick und Carla gingen mit und binnen einer knappen Woche ereilte sie allesamt die so genannte oberbayerische Pferdemeise.
Selbst Nick, der bisher einen Froschlurch nicht von einer Blaumeise unterscheiden konnte, wollte nun unbedingt reiten, er strebt eine Karriere als Jockey an, seit ihm jemand erzählt hat, dass man dafür klein sein müsse. Ich erklärte ihm, dass man dafür vor allen Dingen auch klein bleiben müsse und er antwortete, dass das für ihn kein Problem sei, solange ich kochen würde.
Carla würde gerne Springreiten, und zwar weil da die Haare so schön in die Luft fliegen. Das kommt für mich aber nicht infrage. Pferde wollen von Natur aus überhaupt nicht springen. Sie springen überhaupt nur, weil sie doof sind. Diese These bringt meine Tochter zum Schäumen. Es gehöre weit mehr dazu, über einen Zaun zu springen als davor stehen zu bleiben. Es sei ein Ausdruck von Freiheitswillen, behauptet sie steif. Ich finde, es ist eher ein Ausdruck von Panik und Getriebenheit, aber ich gebe gerne zu, dass ich von Pferden nicht viel verstehe.
Auch Sara bekundete nun Interesse an einer Reitsportart, die viel mit Intelligenz und Disziplin zu tun hat, jedenfalls auf Seiten des Reiters: Dressur. Dressur ist, wenn die Sportreporter bei den olympischen Spielen ebenso kenntnisreich wie eingeschüchtert Sätze wispern wie: „Bommerlunders Hinterhand liegt wirklich unglaublich tief unter dem Schwerpunkt.“
Neulich Abend, die Kinder waren schon im Bett und gaben auf diese Weise zu den schönsten Hoffnungen meinerseits Anlass, kuschelte sich Sara an mich und sagte: „Ich will ein Pferd von Dir.“ Sie fügte hinzu, dass es für sie wichtig sei. Für Die Kinder. Und damit letztlich auch für mich. Ich sah in ihre Augen und diese hatten diese Pferdeaugenform angenommen und jenen eigentümlichen Glanz, der einen noch so stoffeligen Pferdeignoranten jedes rationale Argument vergessen lässt. Zwei Wochen später hatte Sara ihr Pferd nebst Box und Reitunterricht.