Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 31.08.2009

126_Upperclass-Schrullen

Nachdem ich wochenlang unter massiven psychischen Druck gesetzt wurde und mich fühlte wie der amerikanische Notenbankpräsident, kaufte ich meiner Frau ein Pferd. Wenn ich gewusst hätte, was ich mir damit antat, ich hätte mir eine Allergie-Bescheinigung vom Arzt geben, ich hätte mir eine Pferdegrippe spritzen lassen, ich hätte, hätte, hätte. Habe ich aber alles nicht. Ich habe Black Pearl widerspruchslos Zugang zu meiner Frau verschafft und auf diese Weise unsere Ehe in eine tiefe Krise manövriert. Natürlich fand ich schon mal gleich als erstes den Namen bescheuert. Black Pearl. Immerhin teilten unsere Kinder diese Meinung. Carla plädierte dafür, den Wallach lieber „Blacky“ zu nennen, was Nick ablehnte, weil Blacky ihm zu weiblich klang. Er schlug „Schnuffi“ vor, was Carla für mindestens ebenso weiblich und dem Stockmaß des Tieres nicht angemessen hielt. “Meerschweinchen heißen Schnuffi, aber nicht Pferde, die ein ganzes Auto ziehen können,“ sagte sie und damit hatte sie auch Recht, fand ich. Ich schlug vor, dass Tier „Hans Eichel“ zu taufen, weil es so ähnlich guckte, aber das erboste Sara, die sich wünschte, dass ich Ihrem neuen Freund mit ein wenig mehr Ernst begegnete. Wir einigten uns erst einmal auf „Perle,“ was in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um einen Herrn handelt, etwas schwul klingt, aber davon versteht Perle ja nichts.
Perle ist eigentlich ein ganz ruhiges Pferd. Das hätte er auch bleiben können, wenn Sara nicht angefangen hätte, Reitstunden bei einer ukrainischen Olympionikin zu nehmen, die bald einen geradezu ostblockmäßigen Ehrgeiz in meiner Frau entfesselte. Sie machte eine erste Reiterprüfung, um an Turnieren teilnehmen zu dürfen und seitdem ist bei uns den ganzen Tag von Perle die Rede. Wie Perle heute brav gegangen sei. Dass Perle, obwohl sechsjährig, noch nie Koliken gehabt habe und wie schön sein Fell aussähe. Und der neue Sattel käme nächste Woche und das Heu sei ganz frisch und die Gamaschen orange. Ich habe auch keine Koliken, mein Fell ist ebenfalls tadellos und ich brauche nicht einmal Gamaschen, um glücklich zu sein. Aber für mich interessiert sich zuhause kein Schwein mehr.
Sie finden, das klingt nach Eifersucht? Das ist Eifersucht. Ich werde weder gestriegelt noch gefüttert, nicht trocken geritten und auch nicht in die Führmaschine gestellt. Ich bekomme keinen Zucker und keine Extravitamine, ich werde einfach mir selbst überlassen. Beinahe hätte das zu ernsthaften Auseinandersetzungen geführt, aber dann kam Sara mit einem gelben Aktenordner und einem ernsten Gesichtausdruck auf mich zu.
„Kannst Du mich abhören? Für mein erstes Turnier.“
Ich sah auf die Übung und plötzlich hatte der ganze Reitsport für mich einen Sinn. Auf einmal liebte ich Dressur, einen Sport, den ich bis zu diesem Moment für den Ausdruck einer erstklassigen Upper-Class-Schrulle gehalten hatte. Warum? Weil die Sprache mich bezaubert. Eine Piaffe zum Beispiel ist ein bestimmter Schritt, bei dem Pferde in etwa so aussehen wie Otto Waalkes, wenn er auf die Bühne kommt. Sehr ulkig, die Pferde, die so etwas können. Ist aber offenbar schwer.
Bei ihrem ersten Turnier mussten Sara und Perle allerhand komplizierte Schrittfolgen absolvieren, zum Beispiel gemeinsam im versammelten Trab einreiten, halten und grüßen. Dann halbe Volte rechts und halbe Volte links, Mitteltrab, Versammelter Trab und auf die Mittellinie abwenden. Nach rechts traversieren, auf der Wechsellinie abwenden, Kurzkehrt rechts, Mittelschritt. Wenig später Obacht, es folgt eine ergiebige Fehlerquelle beim halten, eine Pferdelänge rückwärts richten und daraus im versammelten Tempo rechts angaloppieren.
Sara und Perle meisterten die ganze Aufgabe inklusive des fliegenden Galoppwechsels nahezu fehlerfrei.
Ich war ganz gegen meine erklärte Absicht begeistert. Mit der noch laufenden Videokamera in der Hand wechselte ich durch die ganze Bahn, traversierte im versammelten Galopp zum Getränkezelt, hielt an, grüßte und bestellte zwei Gläser Sekt. Damit piaffierte ich in Richtung Mittelinie, wo Perle gerade eine rote Schleife an den Kopf gesteckt bekam. Sara saß immer noch vor Glück und Anstrengung dampfend auf dem Rücken des Pferdes. Sie sah sehr glücklich aus. Wunderbares Mysterium Reitsport!