Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.09.2009

127_Herbst der Rätsel

Manchmal weiß ich nicht weiter. Schleierhaft ist mir zum Beispiel, was die immer in dem Werbespot singen, der seit Jahren in den Werbepausen der Sportschau läuft. Der Spot geht so: Im Namen eines Herstellers von Funktionswäsche laufen ein Mann und zwei Frauen über Berge. Irgendwie knistert es auch zwischen ihnen, denkt man. Und während sie so vor sich hin wandern, singt jemand auf Englisch. Und was er da singt, gibt mir Rätsel auf. Heißt es in dem Lied wirklich: „The Future is a muscle you don’t have?“ Die Zukunft ist ein Muskel, den Du nicht hast? Wer da wohl gemeint ist? Der Typ, die Frauen, die Kunden der Wäschefirma? Reinhold Beckmann? Seltsame Welt.

Dies führt nahtlos zur Überlegung, wen ich bloß wählen soll. Auch da bin ich vollkommen unentschieden. In wenigen Wochen müssen wir uns wieder für oder gegen Kandidaten entscheiden, die aus individuellen Gründen der kühnen Ansicht sind, dass sie die Probleme des Landes lösen können. Die Frage ist nur: Warum sollten die das eigentlich können? Die 614 momentan im Bundestag vertretenen Abgeordneten sind ja meistens gar keine Fachleute für die Angelegenheiten, mit denen sie sich auseinandersetzen, sondern beispielsweise Lehrer (von ihnen gibt es 74), Ingenieure (20), Ärzte (sieben), Fliesenleger (einer) oder Lokomotivführer (auch einer).

Ihren Job im Parlament haben sie keineswegs einer gewissenhaft geprüften Eignung zu verdanken, sondern ihrer Zugehörigkeit zu einer Partei. Und ich finde, das ist nach Lage der Dinge inzwischen zu wenig. Jedenfalls habe ich langsam keine Lust mehr, jemanden zu wählen, der womöglich in der Urologie oder mit der Herstellung von Reißverschlüssen viel besser aufgehoben wäre als in der Bundespolitik.

Ich kann unsere Politiker auch kaum noch auseinander halten. Eine Ausnahme innerhalb dieser Feststellung bildet Professor Karl Lauterbach. Das ist der Gesundheitsonkel von der SPD mit der ulkigen Fliege. Immerhin hat der vor seiner Politkarriere schon im Gesundheitswesen gearbeitet. Er fällt zudem dadurch auf, dass er noch öfter im Fernsehen zu sehen ist als Johannes B. Kerner. Lauterbach bezieht sein Sitzungsgeld in erster Linie von Anne Will, Frank Plasberg, Sandra Maischberger und Maybrit Illner. Er kommt aus Düren bei Aachen und klingt wie Ulla Schmidt aus Aachen bei Düren, nur eben als Mann.

Um sich von Lauterbach zu unterscheiden trägt Ulla Schmidt keine Fliege. Sie fährt gerne mit dem Auto in den Urlaub und kandidierte bei der Bundestagswahl 1976 erfolglos für den kommunistischen Bund Westdeutschland. Sie ist also schon ziemlich lange Politikerin, was der Lösung von Problemen im Gesundheitswesen insofern im Wege zu stehen scheint, als das Erreichen politischer Ziele ja eigentlich fast zwangsläufig zum Rücktritt führen müsste. Wenn es nämlich nichts mehr zu tun gibt, kann man ja aufhören. Aber wer will das schon?

Guido Westerwelle will im Gegenteil endlich richtig durchstarten, so wie Michael Schumacher, der seinem Nachfolger Felipe Massa extra eine Stahlfeder an den Helm geworfen hat, um endlich wieder Rennen fahren zu dürfen. Das hat zwar letztlich nicht geholfen, aber der Rennfahrer legte dabei eine bemerkenswerte kriminelle Energie an den Tag, die sich mit jener des asiatischen Kragenbärs gut vergleichen lässt. Der reißt nämlich im Winter gerne Himalayahirsche, indem er zu einer Kugel geformt die schneebedeckten Hänge des Gebirges hinabrollt. Die Hirsche denken natürlich: „Aha, da kommt eine Schneekugel, wie interessant“ und raffen nicht, dass sich darin ein Raubtier versteckt. Deswegen laufen sie auch nicht weg und sind bereits Sekunden später fette Beute.

Guido Westerwelle geht im Wahlkampf ähnlich vor. Er ist eine Art liberaler Kragenbär und rollt gerade landauf landab die Sommerrodelbahnen und Nordseedünen herab zu den Wählerinnen und Wählern. Ob er auch kann, was er gerne machen möchte, muss er nicht beweisen, jedenfalls noch nicht. Westerwelle ist übrigens Jurist und als Rechtsanwalt zugelassen. Er war auch mal „Krawattenmann des Jahres.“ Das wäre ein schöner Beruf für ihn, falls es mit dem Außenministerium doch nicht klappt. Der FDP-Chef sieht übrigens mit oder ohne Krawatte aus, als hätte er eine schöne Tenorstimme. Vielleicht sollte er singen. Ich wüsste auch schon, was: „The future is a muscle you don’t have.“