Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.09.2009

128_Mein schönstes Ferienerlebnis

Sind mal wieder in Italien gewesen, mitten in der Familie meiner Frau Sara – und mitten im sommerlichen Lottofieber, das dieses Land fest im Griff hatte. Mein Schwiegervater Antonio Marcipane füllte ungezählte Lottoscheine aus und referierte dabei über seine geplanten Investitionen, welche unter anderem einen Springbrunnen für den Garten seines Reihenhauses und neue Schuhe für die ganze Familie umfassten. Ich sollte ebenfalls nicht leer ausgehen, er stellte mir eine Trockenhaube in Aussicht, weil einen so etwas unabhängig mache. Zwar fühle ich mich ohne Trockenhaube nicht abhängiger als mit Trockenhaube, aber man soll nicht undankbar sein. Am Ende ist ihm das Kunststück gelungen, trotz eines erheblichen finanziellen Einsatzes überhaupt gar nichts zu gewinnen, was ihn aber nicht juckte, weil er das Geld von seinem Bruder geliehen habe, es also nicht seins gewesen sei – und da hätte sein Bruder eben Pech im Lotto gehabt.
Dieser Bruder, Onkel Rafaele, hat eine Tochter, die Pamela heißt und mit Paolo verheiratet ist. Ich glaube, ich habe schon mal davon erzählt. Egal. Die beiden haben sich jedenfalls kürzlich eine Spülmaschine angeschafft, was ihren Alltag aber nicht sonderlich veränderte. Wie die meisten Italiener haben sie nämlich die Angewohnheit, das ganze Geschirr zunächst von Hand zu spülen, um es anschließend blitzsauber in die Spülmaschine zu stellen. Auf meine Frage nach dem Sinn dieses Verfahrens antwortete Pamela lapidar, dass die Spülmaschine auf diese Weise länger hielte.
Und dann war da noch der Skorpion. Am drittletzten Tag entdeckten wir ihn auf dem Grund des Swimming Pools und kescherten ihn heraus. Er war fast so groß wie mein Daumen und glänzte schwarz und leblos in der Sonne. Die Kinder waren elektrisiert. Sara erklärte ihnen, dass man so einen Skorpion in Harz gießen, dass man ihn dann immer ansehen und Briefe damit beschweren könne, was Nick als Verwendungszweck sterbenslangweilig fand. Er schlug vor, ihn erst mit Weltraumstrahlen zu beschießen und damit tausendfach zu vergrößern, ihn zum Leben zu erwecken und als Superwaffe gegen Soldaten einzusetzen.
„Gegen welche Soldaten denn?“ fragte ich ihn.
„Gegen die bösen natürlich,“ antwortete Nick, dem man auf keinen Fall die Erhaltung des Weltfriedens anvertrauen sollte. Finde ich. Wir beschlossen, den Skorpion erst einmal zu trocknen und stülpten ein Wasserglas über ihn, damit ihn keine Wespen oder Vögel klauen konnten. Dann aßen wir Eis, spielten Karten, lasen, kochten zu Abend und vergaßen den Skorpion. Am nächsten Morgen fiel er Nick wieder ein. Er raste nach dem Frühstück zum Pool, um nachzusehen, ob der Gliederfüßer bereits ausgetrocknet sei. War er aber nicht. Er war: weg.
„Wie, weg?“ fragte ich meinen atemlosen Sohn.
„Einfach abgehauen, das Glas steht genau so da wie gestern, aber der Skorpion ist verschwunden. Der hat sich nur totgestellt.“
Wir gingen nachschauen und es stimmte. Das Glas stand umgestülpt auf dem Beckenrand, darunter war nichts. Seitdem mache ich mir Sorgen, denn ich bin ein bisschen arachnophob und es ist mir egal, dass hiesige Spinnen mich nicht töten können. Ich will einfach keinen Streit mit ihnen, ganz egal, wie groß oder behaart sie sind. Nie käme ich zum Beispiel auf die Idee, eine große Spinne mit dem Staubsauger zu fangen, weil ich mir immer vorstelle, wie das stinksaure Tier nachts aus dem Gerät krabbelt und Rache an mir nimmt. Wie ungleich größer mag die Wut eines umbrischen Skorpions sein, der schlechtgelaunt einem umgedrehten Wasserglas entkommt? Was ist, wenn er nun auf eine passende Gelegenheit wartet, um es mir heimzuzahlen, wenn er zwischen Socken, in Hemdtaschen, in meinem Brillenetui darauf brütet, seinen Stachel in meine Hand oder in meinen Po zu bohren?
Die restlichen zwei Tage bewegte ich mich mit größter Vorsicht, schüttelte meine Schuhe aus und fasste nichts an, dessen Berührung ich hätte bereuen können. Meinen Kindern gegenüber erwähnte ich diese Furcht natürlich nicht. Ich wollte ihnen den Urlaub nicht verderben. Manchmal muss man als Vater Stärke vorspielen, die man gar nicht besitzt.