Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.09.2009

129_Mein Eimerchen

Nicks Einschulung warf schon Monate vorher ihre Schatten voraus. Es handelt sich dabei immerhin um einen Tag von zentraler Bedeutung im Leben eines Menschen, nämlich um seine erste Begegnung mit der Leistungsgesellschaft. Und die soll ja möglichst einprägsam sein, damit man sich für immer daran erinnert, wie das ganze Elend begonnen hat. Bereits im Mai bestellte Sara eine phänomenale Schultüte, die genau so groß war wie unser Sohn. Er kannte diesen Brauch schon und freute sich auf die Süßigkeiten. Im Grunde genommen freute er sich auf nichts anderes.
Wir kauften Hefte, Lineal, Stifte, Tornister, Turnbeutel, Mäppchen. Nick spielte damit in seinem Zimmer Schule, was im Wesentlichen darauf hinauslief, dass er sich selber anschrie und Buchstaben malte. Diese brachte er mir ins Büro und fragte: „Was habe ich da geschrieben?“
„Lass mal sehen. Da steht: MKTVIC.“
„Und was bedeutet das?“
„Ich fürchte, das bedeutet nichts.“
Das stimmte ihn sehr sorgenvoll, obwohl ich ihm (besseren Wissens) versprach, dass bald schon, in der Schule nämlich, alles einen Sinn bekäme.
Als der große Tag gekommen war, spazierten wir mit ihm zur Grundschule. Nick trug seine Schultüte und hieb sie zur Begrüßung seinem Freund Bruno auf den Kopf, der dasselbe tat, sodass beide Tüten bereits vor ihrer Entsiegelung den Dienst quittierten. In der Turnhalle gab es dann eine festliche Ansprache des Direktors, welcher die Erstklässler mit den Worten begrüßte: „Die Kleinen auf den Boden, die anderen dahinter auf die Bänke und die Eltern an die Wand.“ Dann sang der Schulchor und Ulrich Dattelmann, der Vater von Nicks Schulkameradin Chiara-Roxana, filmte alles gewissenhaft mit seiner Kamera. Zwischendurch herrschte er seine Frau und alle Umstehenden an, dass da gerade eine Aufnahme liefe und er hinterher unser ganzes Gerede auf dem Film hätte und nichts vom Schulchor hören könne und dass man bitte ein wenig Rücksicht nehmen solle. Ich habe den Film nicht gesehen, aber ich bin sicher, es ist die ganze Zeit nur Dattelmann darauf zu hören.
Anschließend erläuterte der Direktor ausführlich sein Schulkonzept; es war von Gemeinschaft die Rede und davon, dass man die junge Generation auf die Herausforderungen einer veränderten Gesellschaft einstellen müsse. Meine Gesellschaft in unmittelbarer Umgebung aß einen Popel und fragte ziemlich laut, wann wir wieder nach Hause gehen könnten, es sei nämlich sehr öde und wenn das so bliebe, dann Prost Mahlzeit. Nachdem Dattelmann zum zweiten Mal das Band gewechselt hatte, wurden endlich die Klassen eingeteilt.
Ich betete inständig, dass Nick der richtigen Lehrerin zugewiesen würde. Es standen drei zur Auswahl, von denen zumindest eine sehr viel versprechend wirkte. Das Auge lernt schließlich mit. Nick und ich hatten Glück. Wir folgten der Dame in die Klasse, in der es genau so roch, wie es riechen muss.
Bruno und Nick setzten sich nebeneinander in die dritte Reihe und fingen sofort einen beherzten Schwertkampf mit ihren Linealen an. Dattelmann fragte, ab wann die Schule denn Englisch anböte und dass man ja ganz früh damit beginnen müsse und Kinder seien im Prinzip leere Eimer, die man mühelos mit Wissen befüllen könne und dass es von Anfang an um die Konkurrenzfähigkeit am Arbeitsmarkt einer veränderten Gesellschaft ginge und er die Schule letztlich als Dienstleiter betrachte, um seine Tochter fit for the job zu machen.
Dann ging ich mit meinem leeren Eimerchen an der Hand wieder nach Hause. Ich fragte ihn, wie ihm seine Einschulung gefallen habe. Nick biss in ein Kaubonbon und dachte nach. „Ganz gut, aber etwas langweilig. Ich glaube, morgen gehe ich nicht hin. Vielleicht nächste Woche wieder.“ Mir fehlte die Kraft, ihm zu sagen, dass er nicht nur morgen, sondern auch übermorgen, genau genommen die nächsten zwölf Jahre hingehen würde. Danach wird er den Anforderungen einer sich veränderten Gesellschaft entsprechen. Wie er so ahnungslos neben mir her marschierte und einen Kieselstein kickte, wurde ich ganz traurig.