Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.09.2009

130_Wir haben gewählt

Wenige Tage vor dem Urnengang war mir immer noch nicht klar, wen ich wählen sollte. Ich befragte den Wahlomat im Internet und dabei kam heraus, dass ich von mir bisher unbemerkt offenbar eine Koalition aus der FDP und den LINKEN herbeisehne. Wählen kann ich aber beide nicht, denn wenn man die FDP wählt, stimmt man automatisch auch für die CDU und eben nicht für die LINKE. Und wenn man die LINKE wählt, stürzt man die SPD in einen Abgrund aus Scham und Verzweiflung. Also grübelte ich weiter und konsultierte schließlich meine Kinder.
Ich druckte Bilder der Spitzenkandidaten aus und legte sie auf den Esstisch, dazu auch ein Foto von Rolf Töpperwien, dem Horst Schlämmer des deutschen Sportjournalismus. Nur so zum Spaß. Dann fragte ich Carla und Nick, ob sie wüssten, wer da so vor ihnen lag. Carla ist elf und natürlich erkannte sie Angela Merkel. „Das ist unsere Bundeskanzlerin,“ rief sie. Nick fügte hinzu, dass die Bundeskanzlerin aussähe wie ein Kinderpilz. Er meinte damit einen Wiesenchampignon. Dann fügte er hinzu, dass man doch überhaupt nicht mehr wählen müsse, wenn sie schon Kanzlerin sei. Ich erklärte ihm, dass man das alle paar Jahre wiederholen müsse und dass Angela Merkel aus dem Osten und in der CDU sei. „Was ist denn der Osten?“ fragte Nick. Für einen Sechsjährigen ist das eine statthafte Frage. Carla übernahm die Antwort, indem sie altklug mitteilte, dass der Osten früher zu Russland gehört und dass es dort praktisch nix gegeben habe. Ich griff korrigierend ein, dass es dort sehr wohl etwas gegeben habe und sie sagte: „Die im Osten hatten ja nicht mal ‚ne Nordsee.“
„Aber eine Ostsee,“ sagte ich. Und dass die Partei der Bundeskanzlerin, die CDU, aus dem Westen sei, immerhin. Das verwirrte Nick und er sah sich den Spitzenkandidaten der LINKEN an. Ich erklärte ihm, dass die LINKE im Wesentlichen aus dem Osten sei und der Mann mit dem roten Kopf jedoch aus dem Westen. „Dann kann ja der Mann mit dem roten Kopf aus dem Westen für die CDU sein und die Frau aus dem Osten für die LINKE,“ schlug Carla vor. Sie mag, wenn alles hübsch beieinander ist.
Nick ging nun zum Kandidaten der CSU über. Der käme aus dem Süden, sagte ich. „Aus Italien?“ fragte Nick. Er findet Italien cool und weiß, dass es im Süden liegt. „Nein aus Traunstein,“ sagte ich, was Nicks Interesse an Peter Ramsauer schlagartig erlahmen ließ. Auch Frank-Walter Steinmeier fand keine Gnade. Abgesehen von seiner Superheldenfrisur war der SPD-Kandidat meinem Sohn zu alt, außerdem trägt er keine Laserwaffen. Immerhin: Renate Kühnast fand Carla ganz okay, weil sie sie an eine Vertreterin der Schulpflegschaft erinnerte, die ihr im vergangenen Jahr ein Stück Marmorkuchen geschenkt hat. Ich schob Ihren Mitstreiter Jürgen Trittin nach vorne. „Er guckt wie die Lokomotive von Bob, dem Baumeister,“ entschied Nick und Carla sagte, dass sie Jürgen Trittin unter gewissen Umständen wählen würde. „Unter welchen Umständen denn?“
„Wenn er mir zehn Euro gibt.“
„Der hier hat mehr Kohle, der gibt Dir zwanzig,“ sagte ich und zeigte auf Guido Westerwelle.
„Echt? Dann wähle ich eben den.“ Am Liberalen gefiel ihr außerdem, dass er aussähe wie der Frosch auf der Honig-Smacks-Schachtel. Was er denn so wolle? „Das weiß keiner so genau. Vor allen Dingen will er Außenminister werden,“ antwortete ich. Diese Bescheidenheit gefiel beiden. Sie kennen das schon von Weihnachten und Geburtstagen, dass man sich manchmal mit weniger begnügen muss, als einem lieb ist.
„Und der hier sieht aus wie der kleine Maulwurf,“ rief Nick und zeigte auf Gregor Gysi. Ich finde, das stimmt. Ich sagte ihm, dass der Mann wie Angela Merkel aus dem Osten stamme und jeden verklage, der ihm mit diesem alten Maulwurfthema käme. „Und wer ist das?“ Carla tippte auf den Sportreporter Rolf Töpperwien. „Der ist vom ZDF und er kennt alle guten Fußballspieler. Er ist eine Legende,“ antwortete ich.
Die beiden entschieden sich letztlich für ihn. Nächstes Jahr hört Töpperwien beim ZDF auf. Er könnte dann in die Politik gehen. Die Stimmen meiner Kinder wären ihm sicher. Aber wen ich wählen sollte, wusste ich immer noch nicht.