Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.10.2009

131_Butter bei die Würmer

Hammernachricht des Tages: Skandinavische Wissenschaftler haben in 125 Metern Tiefe vor der schwedischen Küste neue Wurmarten entdeckt! Meine Bewunderung für derartige Forscherleistungen ist enorm. Man fragt sich zwar, wofür man so dringend wissen muss, dass einige dieser Würmer zu den so genannten Krypto-Spezies gehören, die zwar von außen identisch aussehen, sich aber wenigstens in ihrem Inneren unterscheiden. Aber man soll derartige Informationen nicht bewerten, sondern atemlos begeistert entgegennehmen. Hauptsache, es gibt überhaupt noch Menschen, die in 125 Metern Tiefe nach Würmchen suchen. Da fragt man sich doch, wie so etwas möglich sein kann. Mir gelingt es nicht einmal, in vierzig Zentimetern Tiefe hinter der Couch meine Fernbedienung zu entdecken. Die brauche ich aber dringend, weil ich immer umschalten muss.
Ich bin ein leidenschaftlicher Umschalter. Wenn es einem Programm nicht binnen weniger Sekunden gelingt, mich von sich zu überzeugen, bin ich weg, zack, mit basisdemokratischer Konsequenz. Ich bin übrigens der in wissenschaftlichen Versuchsanordnungen von mir selbst entdeckten Überzeugung, dass Männer besser zappen können als Frauen. Sara zum Beispiel braucht zu lange, um zu erkennen, dass eine Sendung langweilig, trist, öde, schon gesehen oder auf zermürbende Art ästhetisch inakzeptabel ist. Daher halte immer ich die Fernbedienung fest umklammert wie ein Nachkriegsopa die Butterdose, deren kostbarer Inhalt keinesfalls vergeudet werden darf.
In den fünfziger Jahren wurde Butter noch wertgeschätzt und rationiert. Noch vor knapp dreißig Jahren antwortete der Spitzenkoch Paul Bocuse auf die Frage, was das wichtigste in der feinen Küche sei: „Butter. Butter. Und noch mal Butter.“ Und heute muss man sich rechtfertigen, wenn man erst Butter und dann noch Nutella aufs Brot schmiert. Fett hat leider eine dramatisch schwindende Lobby. Ihr geht es wie der Wahrheit. Sie wird zwar genauso dringend gebraucht wie Butter, aber viele würden am liebsten ganz auf sie verzichten, besonders in der Politik. Unter diesem Gesichtspunkt sehr angenehm wirkten daher in letzter Zeit die Auftritte des als Bundesfinanzminister stark unter der Wahrheit leidenden Peer Steinbrück, der sich geradezu als Wahrheits-Afficionado hervortat, indem er überall verkündete, nicht den Doofmann spielen zu wollen und daher keine Versprechen machen würde, im Gegenteil, die Zeiten seien hart und schwer und würden vermutlich noch härter und noch schwerer. Auf die Journalistenfrage, wie er sich die Popularität seines im Wahlkampf vor Agilität berstenden Kollegen zu Guttenberg erkläre, antwortete Steinbrück mit traurigem Gesicht: „Er sieht einfach besser aus.“ Das stimmt und belegt die alte These, nach welcher die äußere angenehme Form dem wertvollen Inhalt stets überlegen ist, wovon die gerade entdeckten Meereswürmer ein Lied singen können. Aber Steinbrück muss sich nicht grämen, denn seine Expertise steht außer Zweifel und er wird weiterhin dringend benötigt.
Ich lade ich ihn hiermit zu mir nach Hause ein. Es stehen hier Taschengeldverhandlungen an und da könnte ich ihn gut gebrauchen. Meine Kinder wollen immer mehr Geld, Geld, Geld. Sie argumentieren lafontainesk mit tief klaffenden Gerechtigkeitslücken innerhalb unserer Familie und beschimpfen mich als Bonzen, der sich prinzipiell alles leisten könne und sie hemmungslos für diese Kolumne ausbeute. Mein Argument, dass meine Arbeit letztlich dazu diene, um später einmal ihre versifften Studentenbuden in Freiburg oder Göttingen zu bezahlen, ließen sie nicht gelten. Sie wisse ja noch gar nicht, ob sie überhaupt studieren wolle, drohte Carla. Da könne ich ihr das Geld ganz einfach schon jetzt aushändigen, gerne auch ratenweise in Gestalt eines drastisch erhöhten Taschengeldes. Mir gelang nur ein höhnisches Lachen und der Hinweis auf den kleinen Vogel, der offenbar hinter ihrer Stirnplatte wohne. So richtig diplomatisch war das nicht. Manchmal fehlen mir die Worte. Ich wünschte dann, ich hätte solche Sorgen nicht und lebte als Wurm in schwedischen Gewässern. Ich knabberte den ganzen Tag an Walkadavern herum, an fettigen, buttrigen Walkadavern.