Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.11.2009

135_Hochzeitstag

Einmal im Jahr habe ich Hochzeitstag, so auch neulich. Es war der dreizehnte, aber ich mache mir nichts aus Zahlenmystik, sonst hätte ich nicht an einem Freitag, dem 13. geheiratet. Mir tut die Dreizehn eher leid. Was kann sie schon dafür, dass sie eine so genannte Überschreitungszahl ist. Sie kommt nach dem Dutzend und das nimmt man ihr ebenso übel wie die Tatsache, dass man beim letzten wenig segensreichen Abendmahl zu dreizehnt speiste, dass es nur zwölf und eben nicht dreizehn Monate und Tierkreiszeichen gibt und das Michael Ballack die 13 trug, als er im Halbfinale der Weltmeisterschaft von 2002 die gelbe Karte erhielt, wodurch er für das Finale gesperrt war. Wenn man zu lange darüber nachdenkt könnten einem Zweifel kommen. Man könnte das dreizehnte Hochzeitsjahr einfach auslassen und gleich zum vierzehnten übergehen, aber ich habe Angst, etwas zu versäumen. Also reservierte ich einen Tisch.
Ich reservierte nicht irgendeinen Tisch, sondern bei einem Italiener in der Münchner Gegend, wo wir früher, damals, gewohnt haben. Es war immer ein sehr feines Restaurant und es ist sicher zehn Jahre her, dass wir das letzte Mal dort waren. Als wir kamen, war unser Tisch vergeben, jener in der Ecke, wo wir früher gesessen haben. Man wies uns Plätze an der Tür zu. Ich beschwerte mich. Der Kellner sagte, wir seien zu spät. Er hatte Recht. Ich aber auch, denn ich fand ihn kleinlich. Der Tisch war zu schlecht, um dort auf ein feines Eheleben anzustoßen. Und wer kann schon ahnen, dass der ganze Laden mit Amerikanern vollgestopft ist, die das benachbarte Hilton Hotel offenbar rudelweise rüberschickt. Keine Missverständnisse! Mein Anti-Amerikanismus entwickelt sich zurück, seit Obama Präsident ist. Trotzdem möchte ich nicht Zeuge werden, wie seine Landsleute Rotweinsauce vom Messer lecken oder sich über das Depot in ihrem Rotwein beschweren, weil das ein Zeichen minderer Qualität sei. Beides sah ich von meinem Platz an der Tür. Die Stimmung sank.
Der Kellner hieß Nino, das war auf seiner feinen Jacke eingestickt. Es rührte ihn kein bisschen, dass wir inmitten unmenschlich brüllender Amis saßen und vergeblich versuchten, unser Eheglück heiter zu resümieren. Er brachte die Karte und Sara bat ihn, entweder das Fenster oder die Tür zu schließen, denn es zog.
Das kenne ich schon. Zu den wichtigsten Erfolgsbausteinen unserer langjährigen Ehe gehören meine ritterlichen Bemühungen, meine Frau davor zu bewahren, in geschlossenen Räumen wegzufliegen. Nino nickte und ging. Aber er schloss die Tür nicht. Und das Fenster auch nicht. Also stand ich auf und schloss die Tür. Sara bedankte sich. So geht eine glückliche Ehe. Nach 13 Minuten öffnete Nino die Tür wieder. Ich stand auf und schloss das Fenster. Und dann war es aus zwischen Nino und mir. Er brachte noch die Vorspeise und stellte wortlos den Wein ab, dann verzog er sich hinter die Bar und tauchte erst wieder nach einer knappen Stunde auf, um stumpf den Zwischengang zu servieren.
Wir aßen und schwiegen. Nino schwieg. Die Besatzer krakeelten. Es war nicht feierlich, nur surreal. Während es um die Beziehung zu meiner Frau zum Besten stand, hatten Nino und ich eine tiefe Krise. Das kann ich nicht gut aushalten. Also lobte ich ihn für das Essen. Ich fragte ihn, ob man renoviert habe, es sei so schön licht und die Weine in den Regalen sähen so hübsch aus. Ich säuselte. Ich wollte mit Nino wieder gut sein. Bitte! Wir können nicht unversöhnt einschlafen. Nino! Aber er gab den Wasserbüffel, ignorierte mich und ging mit erhobener Nase an uns vorbei, anstatt nachzuschenken.
Immerhin amüsierte sich Sara. Sie fand, ich müsse für Nino eine Rose kaufen und ich tat es. Nach dem Dessert übergab ich sie ihm. Und da platzte es aus ihm heraus. Es sei so ein schlechter Tag für ihn gewesen. Die Zahnschmerzen. Die Amerikaner mit dem Depot. Und dann habe er die Tür vergessen und mit ansehen müssen, wie ich sie geschlossen habe. Das habe ihm die restliche Laune verdorben. Es täte ihm leid. Er sei keine Maschine.
Wir vertrugen uns wieder, Nino und ich. Streit am Hochzeitstag kann ich einfach nicht aushalten. Man muss ja auch irgendwie miteinander klar kommen. Schließlich möchten wir ja in zehn Jahren wieder hier essen. Das will man nicht aufs Spiel setzen.