Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.11.2009

136_hervorragender Stil

Tagsüber bin ich alleine. Dann gehe ich manchmal im Haus herum. Nicht, dass ich meinen Kindern hinterher schnüffele, ich finde auch so allerhand und muss gar nicht erst unter Betten nachsehen. Das mache ich frühestens in fünf Jahren, wenn es richtig interessant wird. Heute entdeckt: Einen Radiergummi neben dem Klo. Eine Socke im Keller beim Gefrierschrank. Schokolade aus dem Paläozoikum, ein Fund, der besonders überrascht, wenn man weiß, dass unser Sohn Nick ein geradezu seismisches Auffindungstalent für Süßwaren aller Art besitzt.
Die meisten Gegenstände, die ich finde, sind aber nicht mystisch, sondern einfach nur nicht richtig aufgeräumt worden. Jedes Familienmitglied hat die Neigung, ganz bestimmte Dinge an ganz bestimmten Orten nicht aufzuräumen. Meine Gattin zum Beispiel lässt ihre Schuhe im Wohnzimmer liegen. Unsere Tochter Carla verteilt Hausaufgaben gleichmäßig im ganzen Haus, um sie mühsam morgens wieder einzusammeln, was nicht immer gelingt. Ich lasse meine Espressotassen stehen. Sara hat sich darüber beklagt, was ich kleinmütig finde, denn es ist ja so: Eingetrocknete Espressotassen vermitteln einen romantischen und auch stylishen Savoir Vivre. Oder nicht?
Nick verteilt alles überall. Und sucht ständig irgendwas. Außerdem lässt er alle Lichter an. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass man das Licht hinter sich ausmachen soll, aber das ist nicht so einfach, denn er hat ein gutes Argument für seine Energieverschwendung: Die Monster. Er besteht darauf, dass diese nicht kämen, wenn man das Licht anließe. In Wirklichkeit ist er zu faul, um auf den Strom zu achten. Das mit den Monstern ist natürlich nur eine Ausrede. Fatalerweise hat er sie von mir, denn ich habe das mit dem Monsterschutz vor Jahren erfunden und nachts das Licht im Flur angelassen, was ihn sehr beruhigte und nun dazu führt, dass bei uns das kleine Rädchen im Stromzähler Runden dreht wie ein Wiener Walzerpärchen beim Abschlussball. Und jetzt können wir mit dem Monstermärchen nicht brechen, weil er dann womöglich den Glauben an seinen Vater verlieren würde und dies zu verhindern ist mir eine hohe Stromrechnung wert. Im Moment jedenfalls.
Außerdem bin ich noch lange kein so schlimmer Schwindler wie Kevin Costner. Der macht Werbung für eine Fluggesellschaft. In deren Anzeigen ist der Herr Costner zu sehen und neben seinem Kopf steht handschriftlich sowie in mangelhafter Interpunktion: „Hervorragendes Essen. Hervorragender Stil und was für ein Flugpersonal Sie müssen kein Star sein, um sich wie ein Star zu fühlen. Vielen Dank Turkish Airlines. Kevin Costner.“ Soso, das hat der feine Herr Costner also selber mit einem dicken Füller geschrieben. Auf Deutsch und in Frauenschrift. Glaube ich: Nicht. Wahrscheinlich ist er noch nie mit Turkish Airlines geflogen, weil er bestimmt ein eigenes Flugzeug hat mit hervorragendem Stil.
Überhaupt sind mir Prominente in der Werbung suspekt. Trinkt Michael Schumacher wirklich Mineralwasser aus Bad Vilbel? Aß Alfons Schuhbeck den mit Rindfleischextrakt vermengten Fischfond, für den er warb? Trägt Oliver Geißen Schuhe von Deichmann? Nur Mike Krüger nimmt man seine Betätigung als Heimwerker für einen Baumarkt mühelos ab, zumal er Betonbauer gelernt hat und auch so aussieht. Ansonsten ist Vorsicht und Misstrauen angebracht.
Mit dieser Maßgabe habe ich soeben die Post durchgesehen und dabei fiel ein Schreiben besonders auf, denn darauf stand: „Wichtige Mitteilung von Ulrich Wickert.“ Da fühlt man sich natürlich auf Anhieb geehrt. Mönsch! Post vom Wickert! Beim zweiten Blick kommt man aber schnell darauf, dass es sich um Werbung handeln muss. Wahrscheinlich Jacques Weindepot. Oder ein Käseversandhaus. „Kaufen Sie jetzt 50 Kilo Reblochon De Savoie für nur 1600 Euro und gewinnen Sie eine von fünf hervorragenden Fischfonds, die ich mit Alfons Schuhbeck selber eingekocht habe. Ihr Ulrich Wickert.“ Tatsächlich handelte es sich aber um Werbung für die Übernahme von Patenschaften in der dritten Welt. Muss man vielleicht doch genauer durchlesen. Und dabei eine kleine Tasse Espresso trinken. Schlürf, schlürf. Hervorragender Stil. Vielen Dank. Ihr Kevin Costner.