Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.11.2009

137_Ich bin unheimlich reich

Manchmal gebe ich Interviews, auch am Telefon, denn Journalisten haben keine Zeit, extra zu mir zu kommen. Das ist mir auch meistens lieber. Vor einiger Zeit rief eine Dame von einer, wenn nicht sogar der deutschen Presseagentur an und begann ein sehr merkwürdiges Gespräch, in dem es vor allem darum ging, dass ich sicher phänomenal reich sei. Ich verneinte. Es geht uns gut, danke. Aber reich, ich weiß nicht. Nein. Ich versuchte ein anderes Thema, denn ich dachte, es sei nun auch gut damit. War es aber nicht. Ganz offensichtlich spielten alle meine Texte in einem reichen Milieu, insistierte sie. Immerhin hätte ich meinem Sohn in der Kolumne schon einmal etwas gekauft, einfach so. Ich erklärte freundlich, dass dies eine nicht unübliche Kulturtechnik sei, um seine Kinder zu erfreuen und dies nicht nur in reichen Familien, worauf sie mir hasserfüllt entgegnete, dass es sich ein Hartz-IV-Empfänger jedenfalls nicht leisten könne, seinem Sohn einfach so etwas zu kaufen. Ich fragte sie, ob alle Menschen reich seien, sobald sie nicht Arbeitslosengeld II bezögen und dass dies bei einem überwiegenden Teil der Gesellschaft noch nicht der Fall sei. Zum Glück.
Das reichte ihr aber nicht. Am Ende habe ich das Interview nicht freigegeben und was ich freigeben hätte, wollte sie nicht veröffentlichen. Das gibt mir zu denken, denn natürlich bin ich ganz wild auf Presse und man muss den Herrschaften schon etwas anbieten, damit sie zufrieden sind. Daher hier ersatzweise für die Dame von der Presseagentur die Beschreibung eines ganz normalen Arbeitstages bei mir zuhause, wie sie ihn sicher gerne hätte.
Nachdem ich mich morgens eine Viertelstunde in meinem Badezimmer verlaufen habe, entdecke ich doch noch meinen türkischen Barbier, der mir den Bart abnimmt, während ich die Zeitung von Otto Sander vorgelesen bekomme, dem ich dafür täglich ein sagenhaftes Honorar zahle. Aber er ist jeden Cent wert, besonders beim Sportteil.
Ich frühstücke meistens im blauen Salon und telefoniere dabei mit meiner Frau, die lieber im Spiegelsaal sitzt, weil da das Licht für ihre Aquarelle besser ist. Mir ist er aber zu weit vom Teich entfernt, auf dem ich unseren Schwänen dabei zusehe, wie sie von Antoine, dem Schwanenpfleger mit blattgoldverziertem Kuchen gefüttert werden. Nach dem Frühstück beklage ich mich über das Kirschholzparkett, denn es sieht ja doch nach einem halben Jahr ganz schön abgetreten aus. Regelrecht asozial, wie beim Plebs! Also rufe ich meinen Innenarchitekten herbei und er macht Vorschläge. Ich entscheide mich nach langem hin und her für das Bonsaiparkett für 116 000 Euro pro Quadratmeter. Aber meine Frau wird Augen machen. Und die Kinder erst. Sie sehen es natürlich erst in den Ferien, weil sie während des Schuljahres in einem Lamakloster in der Lüneburger Heide leben. Ich habe es extra gebaut, damit sie es nicht so weit nach Hause haben.
Nach einem Telefonat mit Schröder, der mir diese Gasklitsche im Osten andrehen will, nutze ich das schöne Wetter und schieße im Park auf das Wild, dass ich mir wöchentlich aus der Serengeti kommen lasse. Aber die Löwen sind ziemlich lahm, wahrscheinlich ist es ihnen hier einfach zu kalt. Ich bestelle also 7000 Heizpilze und setze mich an den Schreibtisch, um zu arbeiten. Aber mir fällt nichts ein, weil ich mich so über den Fluglärm ärgere, den meine Helikopter verursachen. Aber was sollen sie machen, meine Frau braucht den Wind, damit sie im Pool surfen kann. Und ohne Wind ist das ja nichts.
Das Luxusleben meiner Gattin stellt übrigens eine gewisse Belastung dar. So psychisch. Für uns beide. Aber es gibt ja praktisch kein Problem, das man nicht mit einer einer Botox-Spritze glätten könnte. Dann kommt die Post und Sara hat offenbar das Nord-Male-Atoll gekauft. Warum erfahre ich davon erst hinterher? Vielleicht sollte es eine Überraschung sein. Trotzdem ärgerlich.
Was soll’s. Ich würde meine Frau niemals verlassen. Das Problem ist nämlich, dass ich mich einfach nicht entscheiden kann, welchen meiner drei Dutzend Sportwagen ich dafür nehmen soll. Reich sein ist wirklich manchmal eine unendliche Qual. Aber das versteht diese Frau von der Presseagentur nicht.