Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.12.2009

140_Ein Fest ohne Baum

Die so genannte Bratenspitze ist hierzulande ein inzwischen recht bekanntes Phänomen. Das Wort bezeichnet den erhöhten Stromverbrauch in deutschen Haushalten am Mittag des ersten Weihnachtstages, wenn überall die Backöfen auf Volllast laufen. Das können die Energieversorger auf ihren Bildschirmen genau sehen und irgendwann hat sich dafür der Begriff „Bratenspitze“ gebildet. Und sicher gibt es auch einen Mehlgipfel. Der Mehlverbrauch in deutschen Küchen steigt nämlich genau jetzt dramatisch an. Die Mühlen mahlen ächzend und knirschend rund um die Uhr. Unten fällt Tüte um Tüte Wiener Grießler heraus und wird von weißbemäntelten Mehlfahrern in die Supermärkte gebracht, wo Hausfrauen vor Lust bebend warten, um ihnen die weiße Ware palettenweise aus den staubigen Fingern zu reißen. Der Mehlboom wird vermutlich in etwa einer Woche seinen Höhepunkt erreichen, es werden dann Tonnen um Tonnen Weihnachtsgebäck hergestellt. Unser ganzes Land befindet sich in einer sektenähnlichen Trance: dem Backwahn. Auch meine Kinder, meine Frau und sogar mein Schwiegervater sind davon betroffen. Sie backen Blech um Blech, lecken Rührbesen, fetten ein, glasieren, bestäuben und naschen. Das ist schön, aber sehr ungesund, wie ich mahnte.
Ich mahnte natürlich nur zum Schein und nur zum Spaß, denn ich leide seit Jahren an einer fiebrigen Toblerone, einer Krankheit, die besonders in der Weihnachtszeit wirkungsmächtig von mir Besitz ergreift. Dennoch war der Effekt gewaltig, als ich vorschlug, statt der blöden Plätzchen jeden Abend bis Neujahr einen Rohkostteller zu knabbern. Das sei gesund, auch knusprig, schön bunt und mal was anderes. Ich kam mir vor, als sei ich der Schurke, der den Saloon betritt. Die Musik geht aus, der Klavierspieler klappt den Deckel zu, die Cowboys lassen die Karten sinken, der Barkeeper nimmt vorsichtshalber die Flaschen aus dem Regal.
Mein Sohn glotzte mich entrückt an: „Papa, Du bist verrückt.“ Meine Tochter sagte: „Mama, sag’ was.“ Aber ihre Mama reagierte nicht und zog Eischnee unter geschmolzene Kuvertüre, eine Tätigkeit, die bei ihr immer sehr erotisch aussieht. Antonio kaute auf einer Kokosmakrone herum, was ich deshalb weiß, weil er bei seinem Kommentar dünne Kokosflöckchen versprühte: „Che pazzo!“
„Wir essen Gemüse, trinken Tee und verpacken dieses Jahr auch die Geschenke nicht,“ rief ich heiter. „Am besten verzichten wir gleich ganz auf die Geschenke. Wir knuspern an unserem Stangensellerie und jeder erzählt, was er an diesem Jahr besonders schön fand. Und dann gehen wir einfach mal früh ins Bett.“ Schweigen. „Wir machen Schluss mit dem Kommerzscheiß, wir lassen uns das Fest nicht vom Konsumdruck der Industrie verderben.“ Ich ahnte, dass ich zu weit ging, aber es machte Spaß.
„Der einzige, der uns hier gerade Weihnachten verdirbt, bis ja wohl du,“ sagte Carla. Aus ihren Augen blitzte Kampfesmut und die Befürchtung, dass ihr mühsam angefertigter Wunschzettel womöglich reine Makulatur war.
„Sara, was meinst Du?“ fragte ich leutselig. „Dann bruchen wir auch keine Tanne zu ermorden und die Schmückerei lassen wir auch.“
Das gefiel unserem Sohn gar nicht, denn er hat gerade eine monströse Christbaumspitze in der Schule hergestellt. Sie ist aus Pappe und man benötigt einen Sieben Meter hohen Baum um die Proportionen zu wahren. Sara hingegen gab sich begeistert.
„Ich finde, das ist eine ganz ausgezeichnete Idee. Genau so machen wir das. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich am ersten Weihnachtstag nicht diesen Stress mit der Kocherei habe.“ Sie lächelte mich an, was mich irritierte. Ich ging also ins Wohnzimmer, um darüber nachzudenken, ob es nicht doch Ausnahmen geben musste. Immerhin bewahrte ich für den ersten Weihnachtstag eine Flasche Rotwein auf, die man nur an besonderen Tagen öffnet. Wenn nun Weihnachten kein besonderer Tag würde, wäre es konsequenterweise auch Essig mit dem Saint Èmilion. Ich kam wieder in die Küche und hörte gerade noch, wie Sara leise sagte: „Das hält der ja sowieso nicht durch.“ Und das wollen wir doch mal sehen.