Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.12.2009

141_Blasengels Budenzauber

Ich hatte mich in der ganzen Familie als Weihnachtsmuffel unbeliebt gemacht. Dabei war es doch bloß ein kleiner Adventsspaß gewesen als ich vorschlug, einmal auf Plätzchen zu verzichten und in der Vorweihnachtszeit nur Rohkost zu knabbern. Aus Freude an dieser anarchistischen Vision hatte ich diese ein wenig ausgeschmückt und zusätzlich angeregt, auch auf Geschenke, Baumschmuck, überhaupt einen Baum sowie sämtliche Zeremonien zu verzichten. Aber die erwartete Empörung meiner Gattin war ausgeblieben. Sie hatte allem freudig zugestimmt. Und dies nur, um mich zurück zu ärgern. So sind Frauen im 13. Ehejahr.  Nun saß ich in der Falle.

Wenn ich vor Frau und Kindern zugab, all diese Vorschläge gar nicht ernst gemeint zu haben, stand ich als konsumsüchtiger Trottel da, der es eben nicht ohne Gebäck und Geschenketerror aushält. Und wenn ich meine Verweigerungshaltung knallhart durchzog, würde ich fortan bei meinen Kindern ungefähr den Rang des grünen Grinch einnehmen, der allen das Weihnachtsfest vermiest und isoliert in einer Höhle auf dem Berg wohnen muss. Was tun?

Nach einiger Grübelei entwarf ich einen Plan. Wie es wohl wäre, wenn ich mit Frau und Kindern auf den Weihnachtsmarkt ginge?  Dort könnte meine Begeisterung für das ganze Fest wie zufällig neu entflammen. Danach könnte ich sagen: „Ach Kinder, war das schön. Herrlich. Ich glaube, wir sollten doch wie immer feiern. Dieser feine Besuch des Weihnachtsmarktes hat mich davon überzeugt, dass ich falsch lag. Wir werden Plätzchen backen, wir werden in Geschenkpapier wühlen wie Dagobert Duck im Zaster und wir werden eine Gans essen und auch der Baum ist schon so gut wie geschmückt.“ Ich musste diese Läuterung nur überzeugend klingen lassen und schon war ich unbeschädigt aus der Nummer wieder raus. Vom Saulus zum Paulus und wieder zurück in nur sieben Tagen. Das soll mir mal einer nachmachen.

Auf dem Weihnachtsmarkt drängte ich zunächst zum Crèpes-Stand, was natürlich ein Fehler war, wenn auch ein absichtlicher. Diese Weihnachtsbuden-Crèpes sind nämlich meistens scheußlich. Ich glaube, das liegt am Teig. Man benötigt für anständige Crèpes Eier, Milch, Mehl und Butter. Auf den Weihnachtsmärkten wird vielfach die Butter durch Sonnenblumenöl ersetzt, die Milch durch Wasser und die Eier durch kriminelle Energie. Die Mehlwasserpampe wird zudem nicht lang genug gebacken und schließlich bekommt man etwas auf die Pappschale geklatscht, das aussieht wie eine vom Laster überfahrene Nordseequalle. Nicht einmal Nick schmeckte das, und dies bedeutet in diesem Zusammenhang eine Menge. Er war entsetzt, aber ich gab mich plangerecht begeistert.

Dann drückten wir uns zwischen den Buden entlang, zwischen Erzgebirgsschnitzereien, Glasmännlein und Honigwachskerzen, die man nicht essen kann, was Nick maßlos enttäuschte. Aus Lautsprechern eierte Musik und ich spürte, wie mir Tannenästlein aus den Ohren wuchsen. Aber das ließ ich mir nicht anmerken und jubelte und jauchzte wie ein schwäbischer Blasengel. Meine Kinder erwiesen sich zunehmend als genervt von dem ganzen Betrieb und der Tatsache, dass die deutsche Weihnachtsfolklore zumindest im merkantilen Bereich kaum Überschneidungen zu ihren Wunschzetteln aufweist. Carla und Nick machen sich nun einmal wenig aus zusammengelöteten Clowns, Hüttensocken und Brennnesseltee. Sie begannen zu murren. Ich diente ihnen Lodenmützlein, Nussknacker und fränkische Wurstspezialitäten an, aber sie lehnten ab.

Nachdem wir gut zwanzig Minuten am Glühweinstand neben einer angeheiterten Busbesatzung aus Altötting verbracht hatten, wollten die Kinder nach Hause. Ich sagte mein Sprüchlein auf und schmetterte, dass dieser Weihnachtsmarkt mir endlich die Augen geöffnet habe. Ja, Weihnachten sei toll und wir müssten es unbedingt wie immer feiern und so weiter. Carla murmelte etwas von „Scheißkommerz“ und dass dieser ganze Stress nicht auszuhalten sei. Aber ich sprach ein Machtwort. Wir machen jetzt alles wie immer. Mit Gebäck und Baum und Bescherung. Auch wenn ich der einzige bin, der dazu noch Lust hat. Basta.