Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.12.2009

142_Obamakomplott

Mir kann niemand mehr etwas vormachen, denn ich weiß Bescheid über das große Obama-Komplott. Ulrich Dattelmann hat mir das alles sehr plausibel erläutert. Er ist der Vater von Frank-Ribery und Chiara-Roxana. Namen wie Faustschläge in die Magengrube empfindlicher Ästheten. Egal. Jedenfalls ist Dattelmann Elternsprecher in der ersten Klasse, in die auch unser Nick geht. Dieser Dattelmann hat den Weihnachtsbasar auf dem Schulhof organisiert. Er ist ein Aktivitäts-Terrorist. Dattelmann kennt alle Spielregeln der Welt und er besitzt eine Trillerpfeife, mit denen er auf Schulfesten den Strom der Ereignisse und alle Besucher steuert. Gut, wir hätten Dattelmann nicht wählen müssen, damals im Sommer. Aber es gab keinen Gegenkandidaten. Und jetzt sollten wir uns von ihm in Schichten einteilen lassen, um Waffeln zu backen, Kastanienmännchen zu verkaufen und Punsch auszuschenken. Ich behauptete am Telefon, dass ich den Pool kärchern müsse, aber Sara erinnerte mich unnötigerweise daran, dass wir weder einen Kärcher, noch einen Pool hätten. Außerdem böte ein Weihnachtsbasar die Gelegenheit, andere Eltern kennen zu lernen.
„Wieso?“, maulte ich. „Früher oder später trifft man sich doch sowieso vor Gericht.“ Das ist die Wahrheit. Im Laufe eines langen Schülerdaseins kommt es fast zwangsläufig dazu, dass Eltern sich begegnen. Zum Beispiel wenn ein Vater die Tochter von der Kellerparty eines Schulkameraden abholt und die anwesenden Jungs ganz deutlich nach Alkohol riechen. Oder sogar nach Räucherstäbchen oder so ähnlich. Dann muss der Vater anderntags beim Gastgeber anrufen und sagen: „Ihre Lendenfrucht raucht Räucherstäbchen oder so ähnlich.“ Oder: Der Vater muss nachts um vier Uhr aufstehen, weil das Telefon klingelt. Die Tochter ist dran und fragt, ob sie 18 Kilometer entfernt abgeholt werden kann, weil der letzte Bus weg sei. Der Vater muss am Treffpunkt feststellen, dass da noch drei Freunde der Tochter stehen, deren Väter schon lange nicht mehr ans Telefon gehen, wenn es nachts klingelt. Und da muss man natürlich ausprobieren, ob tagsüber jemand abnimmt.
Sara hörte sich diese Zukunftsvisionen an und dann fuhren wir zum Weihnachtsbasar, wo ich mir zwei Stunden lang magmartig heißen Punsch über die Finger goss, weil die Suppenkelle zu groß und die Tassen zu klein waren. Während ich meiner fronhaften Tätigkeit nachging, läutete Dattelmann unentwegt ein kleines Glöckchen und sang zur Gitarre, was dazu führte, dass ich das meiste von dem, was ich nicht daneben schüttete, alleine trank. Später goss sich auch Dattelmann eine Tasse ein. Dann legte er den Arm um mich und sagte: „Ich heiße Ulrich.“ „Ich weiß,“ sagte ich verzagt. Und er: „Wir sollten uns vom förmlichen Sie trennen. Seefahrer und Punschtrinker duzen sich.“ Das wusste ich noch gar nicht.
Sieben Tassen später klärte Ulrich mich auf in Sachen Obama. Die Angelegenheit sei nämlich so, dass der Barack Obama doch eigens nach Skandinavien gereist sei, um die Olympischen Spiele nach Chicago zu holen. Richtig? Und er habe sie nicht bekommen, stimmt’s? Ja, stimmt. Und nur eine Woche später habe man dem Obama aber den Friedensnobelpreis zugesprochen. Jaja. Und das sei doch kein Zufall. Nicht? Nein! Natürlich nicht. Da müsse man doch nur mal eins und eins zusammenzählen, rief Dattelmann. Da sei doch glasklar ein Deal abgelaufen. Wie, ein Deal? Natürlich: Obama fährt also nach Kopenhagen wegen der Olympiabewerbung. Was ist in der Nähe von Kopenhagen? Jawohl: Oslo. Und da haben sie vom Nobelpreiskomitee einen nach Kopenhagen geschickt und dem Obama gesagt: Du, pass auf, Barack. Beides geht nicht. Entweder Olympia oder Nobelpreis. Wie stehen wir denn da, wenn Du jetzt jede Woche gewinnst. Also überleg’s Dir. Barack Obama hat also abends mit seiner Frau drüber gesprochen und die hat dann entschieden, dass er natürlich den Nobelpreis nimmt. Warum? Ganz einfach. Olympische Spiele wären erst 2016, da ist der Obama lange nicht mehr im Amt und dann fällt es auch nicht mehr auf ihn zurück. Und zweitens: Eine Million, die könne sie schon gebrauchen, das ist ja kein Pappenstil. Da muss selbst ein Präsident lange für stricken. So sei das. Ich finde, das klingt plausibel. Nächste Woche beim Klassenrodeln will er mir die Sache mit Westerwelle erklären. Bin schon sehr gespannt.