Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.12.2009

143_Fragen über Fragen

Neulich platzte ich in eine weibliche Diskussionsrunde, die an unserem Esstisch Platz genommen hatte, um bei Weißwein und Käse zu erörtern, wie es kommt, dass Männer jenseits der vierzig keine Haare mehr an den Waden haben. Das trifft zwar für mich nicht zu, aber die Frage klingt hochinteressant, das muss ich zugeben. Es ist ja ganz einfach, den Zugewinn von Haaren zu erklären: Sie wachsen. Aber warum wachsen sie irgendwann nicht mehr, besonders an den Waden? Die Damen entwickelten zunächst folgende krude Theorie: Die Strümpfe seien schuld. Wer mehrere Jahre hindurch täglich die Unterschenkel in Kniestrümpfe zwänge, müsse sich nicht wundern, wenn die eingeklemmten Haare irgendwann resigniert das Wachstum verweigerten. Stattdessen suchten sich die Haare eben andere Ausgänge und wüchsen aus Nasen und Ohren und Rücken.
Eine zweite Theorie besagte, dass die Haare von den Männern heimlich entfernt würden. Man träfe sich überhaupt nicht zum Fußballgucken, zum Kartenspielen oder in der Kneipe, sondern konspirativ beim Brazilian Waxing der Wadengegend. Das sei den Männern peinlich und daher kein Thema. Ein dritter Lösungsansatz wurde von den übrigens leicht angeschickerten Frauen nicht weiter verfolgt. Demnach sei der Verlust der Wadenbehaarung auf einen gewissen Energieverlust von alternden Männern zurückzuführen. Die Natur habe beschlossen, dass es sich an dieser Stelle nicht mehr lohne, Haare in Szene zu setzen, da auf diese Weise weder Weibchen angelockt noch Mammuts erlegt würden. Der Rücken habe hingegen eine gewisse atavistische Bedeutung für das männliche Selbstbewusstsein und darum wüchsen dort zum wohligen Grusel junger Frauen Haare.
Auf jeden Fall ist damit die Frage beantwortet, worüber sich Frauen eigentlich so unterhalten. Nicht über den Klimawandel, nicht über Klientelpolitik und nicht über Steuergerechtigkeit, sondern über Wadenhaare. Andere Fragen des Jahres 2009 werden hingegen wohl nicht mehr beantwortet werden: Was macht man mit einer Khaki? Warum riecht es im Autoinneren nach Scheibenwischwasser, wenn ich am Autoäußeren die Scheibe reinige? Wofür genau ist noch mal die FDP in der Regierung? Ist das mit dem FC Bayern wirklich so einfach? Wo kommt das eklige Wasser im Frischkäse her? Wonach schmeckt Red Bull? Immerhin eine Frage kann aber an dieser Stelle doch noch beantwortet werden und dem Jahresausgang ein wenig Puderzucker aufs Krönchen streuen. Ich habe doch vor einigen Wochen an dieser Stelle meinen Sohn Nick mit der Bitte zitiert, ihm zu erklärten, woraus Fliegen bestehen. Konnte ich damals nicht erläutern und stellte mir vor, dass Ranga Yogeshwar dies ganz sicher wüsste. Und das stimmt. Ich freue ich mich sehr, dass er sich die Zeit genommen hat, Nick und allen anderen Kindern an dieser Stelle schnell mal kurz zu erklären, was es also mit der Fliege auf sich hat. Wobei die Beantwortung der ursprünglichen Frage nicht sehr reizvoll ist, denn eine Fliege besteht vor allem aus Proteinen. Viel eindrucksvoller ist, was mir Ranga Yogeshwar zu dem Thema noch schrieb: „Eine einfache Stubenfliege ist eine einzige Provokation des technikbegeisterten Menschen. Beginnend von der extrem feinen Struktur des Chitins, über die Magie der schmeckenden Füße, der Rolle Rückwärts beim Landen auf der Stubendecke bis hin zum sagenhaft schnellen „Denken,“ welches sich belegen lässt: Mit einer Hochgeschwindigkeitskamera filmten Wissenschaftler, was die Fliege macht, wenn sich eine Fliegenklatsche nähert. Statt im Reflex blind wegzufliegen, analysiert sie, von wo die Gefahr kommt. Erst nach dieser Planung dreht sie sich und platziert ihre Beine in eine optimale Startposition. Dann fliegt sie los, indem sie sich leicht abdrückt. Diese Fluchtprozedur läuft innerhalb einer Zehntelsekunde ab und ist eben kein Reflex sondern eine geplante Aktion.“
Daran sollten wir Menschen uns ein Beispiel nehmen. In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern der Welt am Sonntag einen beherzten Sprung ins neue Jahr.