Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.01.2009

92_Ende der Kreidezeit

Das Ende der Kreidezeit naht. Großartiges Wortspiel. Dabei geht es um die Abschaffung der bewährten Kreidetafeln in den Schulen. Nach und nach werden die durch elektronische interaktive Whiteboards ersetzt, auf die man mit speziellen Stiften und sogar mit den Fingern schreiben kann. Der Fortschritt zeigt auch hier wieder bemerkenswert unsentimental seine Fratze. Wenn erst einmal die Tafeln weg sind, verschwinden auch Schwämme, Kreide und Tafeldienst. Den habe ich als Kind mit einem gewissen Ehrgeiz versehen. Zunächst musste mit einem staubigen Tuch die Schrift entfernt, dann nass mit dem Schwamm drüber und noch einmal trocken gewischt werden. Genau wie auf der kleinen Schiefertafel, die wir uns in der Pause gegenseitig auf den Kopf schlugen. An den Tornistern baumelte das Schwammdöschen, wenn wir nach Hause gingen und der Mutter den Schmiss in der Tafel zeigten. Ich habe viele Schiefertafeln zertrümmert. Meine Kinder wissen gar nicht, wovon gerade die Rede ist. Immerhin: Die Schultafel kennen sie noch und auch den Tafeldienst.
Statistisch betrachtet ist es wahrscheinlich beachtlich, was im Leben einer Schultafel dort alles angeschrieben wurde. Und wie oft. Und von wem. Natürlich wurde in Abwesenheit des Lehrkörpers unflätig geschmiert. Die beiden beliebtesten Motive waren Kilroy, der männliche Kopf mit der Gurkennase, der über eine Mauer sieht und das männliche Geschlechtsorgan mit Skrotum und gekrümmten Haaren, aus welchem große Tropfen Flüssigkeit fliegen.
Ob zukünftige Schülergenerationen für derartige Vergnügungen noch einen Sinn haben? Wahrscheinlich nicht, denn die elektronische Tafel kann bestimmt schon bald Handschriften erkennen und auch die Nervosität eines Schülers messen. Sie dient womöglich als Lügendetektor und kann Stromstöße sowie Noten, Lob und gekühlte Getränke verabreichen. Schon jetzt ist es möglich, mit den E-Tafeln ins Internet zu gelangen, um dort De Bello Gallico zu googeln oder das Amazonasbecken anzusehen oder ein Foto von Martin Heidegger. Allen technikbegeisterten Lehrern sei an dieser Stelle warnend zugerufen: Freut Euch nicht zu früh, denn das Whiteboard macht nicht nur die klassische Tafel sowie die aufgerollte Karte samt Ständer entbehrlich, sondern auch euch. Sobald die Kinder begriffen haben, wie man das moderne Tafelmedium richtig benutzt, können die schön ohne euch Unterricht machen. Nicht einmal, um den Tafeldienst einzuteilen benötigen die euch dann noch.
Und was machen die vielen Millionen deutschen Lehrer dann? Sie hocken übel gelaunt in den Städten herum und fragen Passanten, ob sie ihnen gerade mal die binomischen Formeln erklären dürfen. Oder man sitzt im Zug und eine kleine Frau fragt schüchtern: „Möchten Sie vielleicht den Zitronensäurezyklus kennen lernen?“ Das ganze Land ist übersäht von mäßig elegant gekleideten Geschichtslehrern, die gerne über das Mittelalter plaudern und naturwissenschaftlichen Fachkräften, die ungefragt heitere Knallgasexperimente vorführen. Pädagogen sitzen ganztags in Eiscafès und zeigen auf Wunsch ihre spröden Hände vor, die sie in jahrelanger Berufsausübung mit Kreidestaub aufgerauht haben. Wir brauchen dringend neue Betätigungsfelder für diese Menschen. Und da kommt die Bundestagswahl in diesem Jahr wie gerufen. Die deutschen Lehrer, überflüssig geworden durch die Macht des technischen Fortschritts, könnten doch Wahlkampf für die SPD machen! Wie Roland Kaiser, der Schlagersänger. Der ist SPD-Mitglied, war jedoch früher nicht Lehrer, sondern Autoverkäufer, was ja auch so etwas ist wie klassischer Frontalunterricht. Jedenfalls könnte doch das freigestellte Kollegium des Hege-Gymnasiums Hamburg-Eppendorf zukünftig als Chor für die SPD auftreten und „Santa Maria“ von Roland Kaiser mit einem neuen Text singen:
„Wählt den Frank-Walter,
er ist einfach zum Kanzler geboren,
hat niemals seine Unschuld verloren,
war wirklich nie in Guantanamo.“
Möchten wir wirklich, dass diese Menschen ihre Talente an alten grünen Tafeln verschwenden?