Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.01.2009

93_Antonios neue Freundin

Antonio Marcipane war zu Besuch. Mein Schwiegervater. Meistens sitzt er am Esstisch und erzählt mir dass ich zu hektisch sei. Dass ich lernen müsse, morgens freundlicher zu sein. Manche seiner philosophischen Handreichungen erstaunen nicht nur mich, sondern auch seine Tochter Sara. Neulich erklärte er uns also beim Frühstück seine Ansichten über den Bedarf an Frauen bei Männern: „Eine Mann braukter im Lebene nur zwei Fraue. Ein alte, wenner junge iste undeine junge, wenner alte iste.“ Sara reagierte maßvoll bestürzt und fragte ihren Vater, ob ich in seinen Augen alt oder jung sei. Er antwortete nicht, kicherte nur und trank Kaffee.
Um ihn aus der Schusslinie zu nehmen, lud ich ihn ein, mich beim Einkaufen zu begleiten. Das macht er gerne, denn er ist ein Preisvergleichsroboter. Er mag es zudem, alle Leute anzusprechen, die irgendwie interessant aussehen. Für ihn sehen alle Menschen interessant aus. Ich stehe in der Regel daneben, Tütengriffe schneiden mir in die Hand, ich schaue auf den Boden oder in den Himmel und warte. Man lernt Demut, wenn man einen italienischen Schwiegervater hat. Trotzdem habe ich ihn gerne dabei, ich kann es nicht erklären. Wir setzten uns ins Auto.
„Makma der Dinge da an,“ forderte er mich auf und zeigte auf das Navigationssystem.
„Wofür? Ich weiß den Weg zum Bäcker.“
„Willi ma seh’n,“ insistierte er.
Ich schaltete das Navigationssystem ein, eine Landkarte wurde sichtbar. Ich stellte das Nachbardorf ein, dort befindet sich der Bäcker. Ein kleiner Pfeil kroch langsam über die Karte. Antonio war entzückt. Er entdeckte das Knöpfchen, mit dem man den Maßstab der Karte verändern kann und zoomte in die Weltall-Ansicht, dann wieder zurück. Er erkannte Europa, Italien.
Wir fuhren zum Einkaufen. Das Navi wies uns den Weg. Ich stellte es spaßeshalber auf Italienisch ein, er zeigte sich begeistert. Diese Stimme sei charmant, ganz bestimmt handele es sich um eine wunderschöne Frau, wie man sie besonders im Süden, in Apulien, aber auch in Molise antreffen könne. Aber auch ohne diese herrliche Stimme sei so eine „Sisteme fur der Navigazione“ ein „große Komfort fur elegante Leut,“ und als wir wieder zuhause ankamen, erklärte er seiner Frau „willi aucke so eine Dingeda.“ Sara und ich schenkten es ihm zu Weihnachten, obwohl Ursula dagegen war. Antonio erledige die meisten Dinge zu Fuß, er ginge täglich zum Bäcker und einmal die Woche zum Lotto spielen. Eigentlich brauche er das Auto lediglich, um zum Supermarkt zu fahren und zur Reinigung und zum Friedhof. Dafür brauche nicht einmal er eine Navigationshilfe. Und wenn doch, dann säße diese neben ihm. Ich fand, sie klang beinahe schon eifersüchtig auf die Frau in dem Gerät. Muss man sich mal vorstellen.
Die ersten Tage nach Weihnachten verbrachte Antonio im Wesentlichen mit der jungen Frauenstimme in seinem Auto. Nachdem er das Gerät von innen an seine Windschutzscheibe geklebt hatte, fielen ihm plötzlich dutzende wichtige Erledigungen ein, zu denen er seine Frau nicht unbedingt mitnehmen musste. Als ich an Neujahr mit dieser telefonierte, wirkte sie verstimmt. Am Dreikönigstag erschien sie mir wortkarg, letzte Woche ernsthaft sauer. Nein, ich könne nicht mit Antonio sprechen, der mache einen Ausflug mit Loredana. So hieß das Navi inzwischen.
Gestern kam ein Paket mit der Post, darin lagen Loredana und eine kurze Mitteilung von Antonio, dass er doch kein Navi brauche, man könne es vielleicht umtauschen gegen einen schweigsamen Heizlüfter. Ich rief an und fragte, was passiert sei. Er sei spazieren, sagte Ursula. Ohne Navi. Bei diesem habe er vorgestern auf „Home“ gedrückt und sich von der Dame leiten lassen. Diese habe ihn jedoch nach Oldenburg gelotst und nicht in sein niederrheinisches Städtchen. Er habe dies aber erst hinter Münster bemerkt und Zweifel an der Aufrichtigkeit von Loredana bekommen. Letztlich habe er sich deshalb von ihr getrennt. Wie es denn gekommen sei, dass Loredana den falschen Weg nach Hause gewiesen habe, fragte ich meine Schwiegermutter. Da habe irgendjemand die Heimadresse in dem Gerät verstellt, sagte sie und ich fand, das klang sehr nach einer Frau, die sich zu wehren weiß.