Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.01.2009

94_Leben mit dem Pubertier

Hilfe! Hiiilfee!! Hiiilllffeeeee!!!!! Unsere Tochter mutiert zu einem Monstrum! Sie ist dabei, sich in das furchtbare, in das grässliche, in das unausstehliche Pubertier zu verwandeln. Gestern noch ein charmantes kleines Ding, nun ein Pubertier und in schon wenigen Jahren eine Erwachsene. Was für ein Abstieg.
Was waren das für herrliche Zeiten, als wir ungestraft Sätze sagen konnten wie: „Oh weia, die Spargelsitzen musst Du aber liegen lassen, davon werden Kinder sterbenskrank. Nur Erwachsene dürfen Spargelspitzen essen. Am besten, Du gibst mir Deine gleich, bevor noch ein Unheil geschieht.“ Carla glaubte an den Osterhasen, an das Christkind, an Äpfel und vor allem glaubte sie mir. Das ist vorbei. Wenn ich etwas sage, und es ist ganz egal, was es ist, dann antwortet sie
Wir befinden uns zurzeit in der „Warum“-Phase. Warum soll ausgerechnet sie den Tisch abdecken? Warum soll sie ihr Zimmer aufräumen? Warum soll sie ihre Lateinvokabeln lernen? Warum sie, warum immer sie? Ich bin blöd genug, mit ihr zu diskutieren und antworte: „Soll ich vielleicht deine Vokabeln lernen? Hä?“
„Wenn’s Dir Spaß macht.“
„Nein, macht mir keinen Spaß.“
„Siehst Du, mir macht das auch keinen Spaß.“
„Es macht nun einmal im Leben nicht immer alles Spaß.“ Zack, und damit bin ich in die Falle reingetappt und sage Sätze, die auch meine Eltern und deren Eltern schon gesagt haben; Sätze, die die Kluft zwischen Carla und mir vertiefen werden. Wenn das so weiter geht, ist sie nächste Woche gepierct. Davon war echt schon die Rede. Mit zehn.
Nicht mehr sehr im Gespräch bin ich, ihr früherer Berater in allen Lebenslagen. Ich werde gerade durch verschiedene Jungs ersetzt und bin nicht cool. Das äußert sich vor allem darin, dass ich die Songs von High School Musical nicht auswendig kann und zudem Fleisch esse, was Carla das allerletzte findet. Sie erklärte sich am Wochenende zur Vegetarierin.
Wir saßen am Esstisch und es gab Rinderrouladen. Lecker. Carla stocherte in ihrer Portion herum und sagte: „Ich kann das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“ Das fand ich gut, riet ihr aber, den vegetarischen Teil der Mahlzeit zu würdigen und wenigstens die Gurke zu essen, die wir extra für sie in der Roulade versteckt hätten. Sie packte die Gurke aus, mümmelte darauf herum und folterte uns mit militantem Vegetarier-Halbwissen, demzufolge wir alle an Darmverschlingung sterben müssten, weil wir nicht zum Fleischessen konstruiert seien und dass man bloß in die Augen der Rinder, der Kälber, der Lämmer und der Stubenküken sehen müsse, um einzusehen, dass der Verzehr von deren besten Stücken nichts sei als barbarisch.
Da hat sie im Prinzip Recht.
Ich war auch mal Vegetarier, so mit vierzehn oder fünfzehn. Aber ich war nicht sehr konsequent, meine Gemüsephase diente eher der Abgrenzung zu meinen Eltern, die mit Vorliebe Bratensülze und Blutwurst aßen, mit extra großen Brocken Fett drin. Nach dem auch später nie wiederholten Versuch des Verzehrs eines Tofuburgers überwand ich mich und probierte schließlich doch wieder einmal ein Steak und ich kann nichts dafür, es schmeckte mir. Es ist so gemein, aber ich esse gerne Tiere. Wenn Carla das nicht möchte, ist es auch okay, sie soll sich aber nicht fürs Gemüse entscheiden, um mich zu ärgern, sondern aus ehrlicher Überzeugung. Und daran scheint es dann doch etwas zu hapern. Soeben erwischte ich sie in der Küche mit einer Trüffelleberwurststulle.
„Was ist denn das?“ fragte ich sie. „Was meinst Du wohl, woraus das gemacht wird, was Du da gerade futterst.“
„Aus Trüffeln,“ antwortete sie. Da kann man nichts machen. Sie ist ein Pubertier. Und ihr kleiner Bruder lernt eifrig bei ihr. Nick will jetzt auch Vegetarier werden. Auf meine Frage, was er denn dann in seinem Lieblingsrestaurant, in seinem kulinarischen Weihetempel, nämlich bei McDonald’s künftig bestellen wolle, antwortete er ohne das kleinste Zögern: „Ist doch wohl klar: Cheeseburger.“