Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.02.2009

97_Der Vader

Das ist schon der Hammer. Es knallt im All, es knallt im Meer. Vor kurzem stießen zwei Satelliten im Weltraum zusammen, wenige Tage später zwei Atom-U-Boote auf Tauchstation. In beiden Fällen war vorher angeblich nichts zu hören. Im Falle des britischen und des französischen U-Bootes finde ich das sehr bemerkenswert, denn immerhin waren beide mit atomaren Sprengkörpern bestückt und damit sollt man schön vorsichtig unterwegs sein und die Öhrchen spitzen. Vielleicht haben sie im U-Boot Karneval gefeiert und die Musik zu laut gestellt. Es stellt sich auf jeden Fall die Schuldfrage. Kann man mit einem U-Boot einfach so kreuz und quer durch die Ozeane eiern oder gibt es da Vorfahrtsregeln? Und wie erklärt man das einem britischen U-Boot-Kommandanten, der vermutlich auch unter Wasser seine Linksverkehr-Schrulle austobt? Jedenfalls haben die einander nicht gehört.
Bei dem Unfall neulich im Weltall überrascht dasselbe Detail nicht, denn dort gibt es wegen Luftmangels keinen Krach, eine Tatsache, die seit Jahrzehnten im Genre des Science-Fiction-Films nicht berücksichtigt wird. Die Raumschiffe in „Krieg der Sterne“ machen einen Radau wie sehr alte Lastwagen, vermutlich werden sie auch mit Dieselkraftstoff betrieben und müssen dafür an Weltraumtankstellen anhalten. Dies wird aber im Film nie gezeigt, ebenso wenig wie die Verrichtung menschlicher Bedürfnisse. Außer John Travolta in „Pulp Fiction“ fällt mir auf Anhieb kein großer Film ein, in dem ein Hauptdarsteller auf die Toilette geht. Dabei würde mich das bei Darth Vader brennend interessieren. Hat Darth Vader einen Hosenschlitz? Mit Knöpfen oder mit Reißverschluss?
Die Unfallgegner im All stammten aus den Vereinigten Staaten und aus Russland, der Sputnik war nicht mehr im Dienst und beide hinterließen nach ihrer Begegnung einige hundert Trümmerteile, die nun für ewig um die Erde sausen und dabei vom United States Strategic Command beobachtet werden, was ich einen hübschen Gedanken finde. Erst schießen sie die Satelliten nach oben, damit sie ein paar Jahre lang die Erde beobachten, dann beobachten sie ihre Reste Jahrhunderte lang von der Erde aus. Derzeit werden 18 000 irdische Gegenstände im All kontrolliert. Manche sind natürlich riesig und leicht zu sehen, andere sind nur um die zehn Zentimeter klein. Auch Darth Vader irrte einmal für eine gewisse Zeit führungs– und geräuschlos im All herum, tauchte dann aber in der nächsten Folge von „Krieg der Sterne“ wieder auf und röchelte sich übellaunig durch seinen Text. Seine wundervoll gruselige Stimme wurde im Film durch eine Lungenmaschine erzeugt.
So etwas haben wir nicht zuhause, wohl aber einen Darth Vader. Wenn er seine Maske abnimmt, ist er blond und hübsch, aber wenn er sie aufsetzt, verwandelt er sich in einen unglaublich hinterhältigen und bösen Schergen des Imperators, der bei ihm allerdings „Impator“ heißt. Er selbst nennt sich auch nicht „Darth Vader“ sondern „Der Wäider.“ Ich weiß noch nicht, wie lang diese Phase andauern wird, aber sie begann kurz vor Karneval mit dem Erwerb eines Darth-Vader-Kostüms inklusive Lichtschwert, Umhang, Maske und Brustpanzer. Seit unser Sohn Nick diese Montur besitzt, zieht er sie an. Jeden Tag. Im Kindergarten und zuhause. Seine Stimme klingt dabei wie ein asthmatischer Roboter.
„Was ist, Vaderchen? Kommst Du zum Mittagessen?“
„Gut. Ich Kom-me. A-ber nur, wenn ich mein Es-sen mit dem Licht-schwert schnei-den darf.“
„Gerne. Es gibt Gemüsesuppe. Guten Appetit.“
Nur zum Schlafen nimmt er seinen Helm ab und verwandelt sich in unseren kleinen Jungen. Dies allerdings auch nur, weil ich ihm gesagt habe, dass ich Finsterlingen aus dem Weltall nichts vorläse, denn dabei käme ich mir dumm vor. Dieses Argument überzeugte ihn.
Gestern Abend lagen wir nebeneinander in seinem Bett. Ich war mit vorlesen fertig und wollte gerade aufstehen, da sagte er: „Du erinnerst Dich doch noch an die Szene, wo Der Wäider in dem kleinen Raumschiff durchs Weltall kullert, oder?
„Ja, natürlich,“ sagte ich.
„Was macht denn Der Wäider jetzt, wenn er mal aufs Klo muss?“ Das sind die wirklich wichtigen Fragen für ihn. Und ich wusste keine Antwort. Es gibt keine Antworten auf solche Fragen. Nicht hier, nicht im Meer und im Weltall auch nicht.