Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.02.2009

98_O’Perry Pomada

So jung war ich noch nicht politisiert, nicht mit sechs. Ich kann mich jedenfalls kaum daran erinnern, 1973 Einsichten zur Ostpolitik geäußert zu haben, geschweige denn zum Wirken des damaligen Präsidenten Richard Nixon. Als ich sechs war, beschäftigte ich mich mit Plastiksoldaten in Weltkriegsuniform, die ich in Reih und Glied stellte, nach Farben sortiert: Die Deutschen waren taubenblau, die Russen grau, die Engländer sandfarben, an die Amerikaner kann ich mich nicht erinnern oder ich besaß keine. Meine Soldaten waren einander nie feindlich gesinnt, sondern gemeinsame Opfer verheerender Naturereignisse und wurden unter Kissenwürfen begraben oder von niederprasselndem Legoregen umgemäht. Meine Weltsicht war friedlich und die Armee zerschmolz größtenteils in einem von mir im Veilchenbeet des elterlichen Gartens veranstalteten Rasenmäherbenzinfanal. Ich war mit sechs Jahren ein politischer Tor, Richard Nixon in dieser Hinsicht nicht unähnlich.
Umso mehr verblüffte mich ein Satz unseres Sohnes Nick, der nun sechs ist und im Kindergarten offenbar zu erstaunlichen Erkenntnissen gelangt. Er erklärte mir nämlich gestern Abend, nun werde alles gut, Barack Obama werde Amerika besser machen und das sei für uns alle super. Genau genommen sagte er übrigens nicht „Barack Obama“ sondern „O’Perry Pomada.“ So heißt der 44. US-Präsident bei ihm. O’Perry Pomada.
Davon abgesehen war ich begeistert und fragte ihn, was er damit meinte. Er kaute auf einem Stück Salami herum und antwortete unverständlich. Ich bat ihn, nicht mit vollem Mund zu sprechen. Er antwortete: „Dann frag’ mich nichts, wenn ich gerade esse.“ In ihm steckt auf jeden Fall schon einmal ein Bürgerrechtler.
Bevor er wieder in sein Brot beißen konnte, wiederholte ich meine Frage. Er ließ sein Essen sinken und sah mich an wie man ein Kind ansieht. Dann sagte er: „Papa, ist doch klar: Alles ist doch total schlimm. Und jetzt ist O’Perry Pomada da und räumt in Amerika auf.“
„Aha, gut. Und wie macht der das, der Pomada?“
„Ist doch ganz einfach: Er knallt alle ab.“
„Wie? Wen knallt der ab?“
„Der Pomada schießt einfach alle um, die böse sind und dann sind nur noch gute da.“
„Ja, das hat sein Vorgänger auch schon versucht, aber es hat nicht geklappt. Außerdem: Wer die anderen umschießt, ist selber böse.“
Das fand er langweilig. Sein Gerechtigkeitssinn macht auf mich einen ziemlich alttestamentarlichen Eindruck. Wo er das wohl her hat? Von mir jedenfalls nicht. Trotzdem wollte ich das Gespräch nicht durch pädagogisch sinnvolle Belehrungen versiegen lassen.
„Was gefällt Dir denn noch am Obama?“ fragte ich ihn.
„Dass er cool ist. Der ist ein HipHopper, der O’Perry Pomada.“
Wir räumten ab und dann verschwand Nick zum Zähneputzen und für ein Gespräch mit seinem Walkie Talkie. Er kann damit seinen Kumpel Fritz von nebenan anfunken. Und manchmal auch Lastwagenfahrer. Einmal habe ich ihn bei einer sehr merkwürdigen Unterhaltung mit einem polnischen Spediteur erwischt, der irgendwie in der Nähe Pause machte und auf Nicks Frequenz landete. Jedenfalls fragte Nick wochenlang, ob wir nicht mal Ferien in Krakau machen könnten, er kenne dort jemanden.
Nach einer halben Stunde tauchte Nick noch einmal im Wohnzimmer auf, um Gute Nacht zu sagen und zu überprüfen, ob wir was im Fernsehen sahen, was ihn auch interessierte (er interessiert sich für alles). Es lief ein Beitrag über Osama bin Laden und die spannende Frage, ob er noch lebe, wo er sich verstecke und ob man seiner überhaupt noch einmal habhaft werden könne.
„Was hat der Mann gemacht?“ fragte Nick.
„Er hat vielen Menschen sehr wehgetan,“ antwortete Sara, die Sache stark verkürzend aber kindgerecht.
„Der soll zu den Leuten gehen und sich entschuldigen,“ entschied Nick. Dann ging er ins Bett. Wie wundervoll wäre die Welt, wenn er sie regieren würde. Er und sein Kumpel O’Perry Pomada.