Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.01.2010

145_In der Ausredenfalle

Die Abgabe von Texten herauszuzögern gehört zu den wesentlichen Grundfertigkeiten, die man als Autor mitbringen muss. Die Ausrede ist für den Autor, was der Siebzehner-Schlüssel für den Klempner ist, nämlich die Basis für höchste Qualität. Als Schriftsteller Zeit zu schinden bedeutet, Geschichten zu erfinden, damit man die Muße hat, Geschichten zu erfinden. Leider gelingt dies nicht immer. Kurz vor Weihnachten zum Beispiel. Den politischen Essay für ein Magazin hatte ich schon nicht mehr abwenden können, also versuchte ich, die Lieferung von Gedichten an eine Radiosendung wenigstens zu verhindern. Ich schrieb also eine Mail an den Radioredakteur:
„Lieber Herr M., ich habe nun bereits neunzehn Gedichte verfasst, aber sie gefallen mir alle: nicht. Der Grund für die Verspätung der ganzen Lieferung besteht darin, dass ich einfach mit mir als Lyriker nicht zufrieden bin. Ich kann Ihnen das hier nicht zumuten, das verbieten gleichermaßen meine Scham und mein Stolz. Ich bitte Sie sehr um Verständnis.“ Klang super. Flagellant und ehrlich. Sehr gut.
Herr M. schrieb umgehend zurück, dass es überhaupt kein Problem sei, wenn ich mit meinen Ergüssen nicht zufrieden sei. Er schlug vor, das Material ganz einfach von einem sensationellen Sprecher – Otto Sander oder so – einlesen zu lassen. Dann sei im Prinzip völlig wurscht, welche Qualität die Gedichte hätten, sie würden auf jeden Fall gut klingen. Darüber hinaus sei er unheimlich neugierig auf meine Arbeiten. Ob er denn nicht wenigstens die acht oder neun meiner Ansicht nach besten Stücke haben könne? Nur um mal zu schauen, ob ich mich mit meiner sympathischen Selbstkritik nicht grundlos geißele. Er könne sich vorstellen, dass eigentlich alles in Ordnung sei. Morgen Nachmittag hätte er Zeit, sich der Sachen anzunehmen.
Doppelmist. Acht oder neun Gedichte. Au Backe. Ich schreibe eine Mail an die Dame, der ich eine launige Beschreibung meiner Lieblingsoper zugesagt hatte, ohne jedoch über irgendeine spezifische Kenntnis irgendeiner Oper zu verfügen: „Liebe Frau D., ich habe nun mehrere Wochen meinem ergreifendsten Opernerlebnis hinterher recherchiert und kann es aber leider einfach nicht mehr finden. Ich erinnere mich zwar noch sehr gut an den Abend in Kopenhagen, wo ich das Stück irgendwann Anfang der Neunziger gesehen habe, aber es will mir nicht mehr einfallen, wer der Komponist war und wie das Stück hieß. Und ich kann auch nicht mehr rekapitulieren, worum es ging. Ich erinnere mich nur an einen Raum mit Türen und jede Menge Blut, alles sehr düster, bin aber nicht sicher, ob ich das nicht doch geträumt habe oder es sich nicht eventuell um einen Film mit Vincent Price handelt. Aus dieser Verwirrung heraus bin ich natürlich jetzt kurzfristig nicht in der Lage, einen unterhaltsamen Text zu schreiben. Vielleicht geben Sie mir einfach noch Zeit.“ Ausgezeichnete Formulierung. Kurzfristig nicht in der Lage. Bedeutet ja nichts anderes als: Würde natürlich gerne, geht aber nicht.
Frau D. schrieb zurück, dass sie meine Mail sehr amüsant gefunden habe, weil sie einen tiefen Einblick in die Verstörung gebe, die eine Oper wie die gesuchte auslösen könne. Es handele sich dabei nämlich, wenn sie mir da ein wenig unter die Arme greifen dürfe, um „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartok. Sie habe bereits Sekundärliteratur herausgesucht und einige Links zusammengestellt, um meine Erinnerung aufzufrischen und da ich das in der Anlage zu ihrer Mail vorfände, freue sie sich darauf, den Text schon gleich am nächsten Tag in Händen zu halten.
Diese Oper gibt es wirklich? Die hatte ich mir doch ausgedacht! Oh Gott. Na dann. Ich musste schreiben. Die ganze Nacht. Und ich schrieb. Drei Mal dasselbe. Quasi. Zunächst eine Geschichte über die Friedensdemo im Bonner Hofgarten und die schlechte Verpflegung dortselbst. Dann ein paar Gedichte über Liebe in Zeiten der Nachrüstung und die aufkommende Neigung linker Kriegsgegner für Knoblauchbrote sowie schließlich eine Abhandlung über die Pausensnacks in der Kopenhagener Oper bei Bartok. So machen das alle. Totale Rezensions-Dekonstruktion. Und es waren alle zufrieden. Ich bin eben ein Textklempner.