Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.01.2010

146_Earworm

Gerade wollte ich schreiben, dass sich George Harrison vermutlich im Grabe herum drehen würde, wenn er schon tot wäre. Und dann fiel mir ein: Ist er ja. Also muss ich den Satz dahingehend abwandeln, dass er sich ganz sicher im Grabe herum drehen würde, wenn er wüsste, dass sein Gitarrensound dazu beiträgt, Kunden der Supermarktkette REWE in den Wahnsinn zu treiben. Eben war ich dort und kaufte ein. Alle vierzig Sekunden ertönte ein quietschender Musikjingle, um sagenhafte Nachrichten (Pfälzer Streichleberwurst jetzt nur 300 Euro pro 1000 Kilo, oder so ähnlich) anzukündigen. Der Jingle klingt, als hätte George Harrison „My sweet Lord“ nach dem Genuss einer Sonderangebotspalette Schlehenfeuer (10 Liter jetzt für nur 3,99 Euro) eingespielt. Einmal kann man das hören, liebe REWE-Manager. Zwei Mal auch. Aber doch nicht ununterbrochen. Das schlimmste daran: Jetzt habe ich einen REWE-Angebotsjingle-Ohrwurm.
Ich berichtete unserer Tochter Carla davon und sie fragte mich, ob ich wüsste, was „Ohrwurm“ auf Englisch hieße. Keine Ahnung. Englisch ist ihr neues Lieblingsfach, seit sie weiß, dass man in dieser Sprache am ehesten eine Karriere als Popstar hinlegen kann.
Sie möchte gerne irgendwas duomäßiges machen, so in der Art wie „La Roux.“ Damit habe ich eigentlich kein Problem, aber Kenntnisse der englischen Sprache sind dafür sozusagen obligatorisch. Also lernt Carla fleißig Vokabeln und kann bereits mehrere Lieder unfallfrei mitsingen, auch wenn sie nicht so ganz genau weiß, worum es im Einzelnen geht. Und das ist auch besser so. Sie spricht jedenfalls gerne und viel Englisch. Gestern Abend beschwerte sie sich bei mir darüber, dass ich ihren kleinen Bruder ständig bevorzugen würde. Sie sagte: „You ever make him an extra-sausage.“ Korrekturen an Grammatik und Aussprache nimmt sie eher widerwillig hin, das findet sie kleinlich. Es wisse ja schließlich jeder, was gemeint sei, wenn man sagt: „When I see my little Brother, I become Pickles.“ Das sind eingelegte Gemüsestückchen, aber wie gesagt, das ist ihr wurscht.
Ihr kleiner Bruder Nick will übrigens nicht Popstar werden. Am Wochenende fragte ich ihn nach beruflichen Vorlieben und er dachte eine Weile nach. Dann sagte er: „Ich werde Minigolfbudenmann.“ Er sagte das mit fester Stimme und Überzeugung. Ich fragte ihn, warum und er erklärte mir, dass dies der einzige Beruf der Welt sei, in welchem er den ganzen Tag seine beiden größten Vorlieben pflegen könne. Es sei nämlich nicht nur so, dass er als Minigolfbudenmann praktisch ununterbrochen gratis Minigolf spielen könne, erläuterte er mit glänzenden Augen. Nein, da sei noch etwas: „Nämlich: Wer sitzt den GANZEN TAG neben der Eistruhe? Ich!“ Er war euphorisch.
Ich könnte nun desillusioniert und traurig sein. Mein Sohn will nicht Astronaut, nicht Bundeskanzler und nicht einmal Cowboy oder Bahnchef werden. Er hat keine Ambitionen auf Nobelpreise oder einen gepolsterten Sessel und ist vermutlich bereits jetzt verloren für das global Recruiting seines Humankapitals zum Nutzen irgendwelcher Supermarktketten oder anderer Imperien.
Stattdessen will er mit klebrigen Fingern Schläger und Klemmbrettchen über eine Theke reichen. Er will die Geranien gießen und die Bahnen ausbessern, Rasen sähen und mit Absperrband vor Zertrampelung schützen. Im Winter sitzt er dann zuhause und denkt darüber nach, welche Eissorten er im nächsten Sommer am liebsten verkaufen will. Eigentlich toll. Ich bin fast ein wenig neidisch auf ihn. Minigolfbudenmann scheint auch mir bei näherer Betrachtung ein Riesenjob zu sein. Ich bin stolz auf die Weitsicht meines Sohnes, der es sicher innerhalb weniger Jahre von einem Neun– zu einem 18-Loch-Minigolfplatz mit Windmühle und Labyrinth und einer beleuchteten Eistruhe bringen wird.
Dann habe ich noch nachgeschlagen, was der Engländer zum Ohrwurm sagt. Tatsächlich gibt es den aus dem Deutschen entlehnten „Earworm,“ aber auch das technischere „Last song syndrome.“ Dies teilte ich meiner Tochter mit, welche mich mäßig interessiert ansah. Dann brachte sie ihren Teller in die Küche und sagte: „Soso. Again what learned.“