Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.01.2010

147_Sprachliche Feinheiten

Obwohl ich ihn schon lange kenne, verstehe ich meinen Schwiegervater Antonio Marcipane oft nur schwer. Eigentlich verstehe ich ihn gar nicht. Ich bewundere seine Frau, die seit über 45 Jahren mit ihm verheiratet ist und tatsächlich hinter jeder seiner zahlreichen Äußerungen den Sinn nicht nur erahnt, sondern wirklich kapiert. Mir gelingt dies bei weitem nicht immer. Mit etwas Übung und Glück erschließt sich aber zumindest die Rahmenhandlung seiner Ausführungen. Politiker im Fernsehen sind zum Beispiel in der Regel „Dä Verbrecker da,“ was ja noch plausibel und verständlich klingt. Aber danach geht es in die Feinheiten. Mit dem nächsten Satz erhöht sich der Schwierigkeitsgrad um eine Stufe, was auch an Antonios Sprechtempo liegt. Je stärker er sich aufregt, desto schneller wird er. Über die schon erwähnten Politiker im Fernsehen sagt er dann: „Musserman die allersamte in der Riegel steckene.“
Hier kommt das erste Antoniosche Gesetz zur Anwendung, welches das Verständnis nicht fördert, aber zu feinen Satzkonstruktionen führt: Redewendungen benutzt Antonio nämlich immer genau zur Hälfte. Ein Buch mit sieben Siegeln ist für ihn ein „siegelte Buch“ und wenn er etwas überprüft, dann sagt er vorher nicht, dass dies auf Herz und Nieren geschieht, sondern: „Mussi da der Niere teste.“
Die meisten Substantive hat er durch das Hilfswort „Dingeda“ ersetzt. Wenn er gerne das „Dingeda“ haben möchte, kann man aus dem Kontext leicht erraten, dass es sich um die Fernbedienung, den Käse oder den Schraubenschlüssel handelt. Seine Frau Ursula hat sich zudem damit abgefunden, dass er urplötzlich ertaubt, wenn sie ihn um etwas bittet. Die Einkäufe trägt sie daher meistens alleine ins Haus. Als ich ihn einmal fragte, warum er nicht helfe, antwortete er entrüstet: „Helfi dok wie ein Gentleman! Tragi die ganze Zeitung rein.“
Doch selbst wenn man – wie ich – bereits auf eine seit anderthalb Jahrzehnten dauernde Schulung zurückgreifen kann, geschehen immer noch große Missverständnisse. So teilte Antonio mir gestern Abend am Telefon mit, er habe sehr lange „an die Bußstell“ verbracht. Das tat mir leid. Ich fragte ihn, was denn gewesen sei.
„Die Verbrecker da lassene mi da die ganze lange Stunde einfack sitze wie bestellte“ (und nicht abgeholt muss man im Kopf ergänzen, sonst ergibt es keinen Sinn).
„Aha. Und warum hast Du da gesessen?“ fragte ich ihn loyal.
„Weil sind die alle Gauner. Wollen nur von meine arme Rentnergeld, aber geben sie nix dafur. Iste faste schlimm wie in Italia, capito? “
„Nicht genau,“ sagte ich. Insgeheim vermutete ich, dass er wie üblich irgendeine Geldbuße nicht bezahlt hatte und nun vorgeladen oder einbestellt war, oder wie das heißt. Wahrscheinlich verlangte man von ihm einen um Gebühren und Mahnkosten angereicherten Betrag, der ihm nun viel zu hoch erschien.
„Um wie viel Geld geht es denn?“, fragte ich bedauernd.
„Nikte so viel Gelde, ist nikt der Problem. Waren nur due Euro an der Daumen gereknet.“
„Und wegen zwei Euro machst Du so ein Theater?“
„Sagido war kein Probleme. Aber die lange Zeit da an die Bußstell. Habi da rumgesessen und keine Buße kommt.“
„Was denn für eine Buße?“
Er schwieg fünf Sekunden und sagte dann: „Mankemal kanni nie glauben, dasse mein Tockter so eine Baccalà at.“ Ein Baccalà ist ein Trottel. „Was fur eine Buße? Eine Omnibuße natürlik.“
„Ach so.“ Die ganze Sache verlor abrupt ihre Dramatik. Er hatte nur erzählen wollen, dass die verbrecherischen Verkehrsbetriebe ihn eine Stunde auf einen Bus hatten warten lassen. Das war’s schon. Und ich merkte mir: Eine „Bußstell“ ist bei ihm keine Bußgeldstelle, sondern eine Bushaltestelle. Bußgeldstelle heißt bei ihm übrigens „Bußedingeda.“ Ich habe extra gefragt.