Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.02.2010

148_Klientelgesellschaft

Parteispenden sind an und für sich nichts Anstößiges. Man unterstützt jemanden quasi mäzenatisch mit Geld, weil man von seinem Wirken überzeugt ist. Manche Parteispender sind sogar von der Arbeit fast aller Parteien überzeugt, die Allianz zum Beispiel. Bedacht wurden von ihr im vergangenen Jahr die CDU, die CSU, die SPD, die Grünen und die FDP. Alle erhielten übrigens gleich viel, außer die FDP, die bekam genau zehntausend Euro weniger als die anderen, nämlich 50001 Euro. Dafür empfing sie als einzige Partei 1,15 Millionen von der Hotellobby (nicht: in der Hotellobby, das ist ein großer Unterschied, der eine Menge über die Seriosität der Freidemokraten aussagt). Und kaum sinken daraufhin die Mehrwertsteuersätze zugunsten der Übernachtungsbranche, geht das Theater los: Klientelpolitik sei das, wird gemeckert. Bereits jetzt scheint sich hier das Unwort des Jahres abzuzeichnen. Und da muss man jetzt mal einschreiten. Der FDP kann man doch wirklich nicht vorwerfen, sie sei käuflich, im Gegenteil: Sie hat nur getan, was man von jeder guten Partei erwarten kann, indem sie sich für die Interessen ihrer Unterstützer eingesetzt hat. Was soll daran falsch oder verwerflich sein? Und außerdem: Das können Sie doch auch! Werden Sie noch heute zur Klientel der FDP!
Das tolle dabei ist: Sie müssen Sie die Liberalen nicht einmal wählen. Es reicht schon, wenn Sie das Spenden nicht den Adligen überlassen, sondern selber einen angemessenen Betrag rüberwachsen lassen. Sie werden sehen: Ruckzuck kümmert sich die FDP um Ihre Interessen. Da stellt sich natürlich bloß die Frage: Was ist ein angemessener Betrag? Was kostet eine Steuersenkung für Biokartoffeln, eine Autobahnausfahrt in der Nachbarschaft oder ein Kugelschreiber mit FDP-Logo? Ganz schwer zu schätzen. Muss man da eher einen hohen fünfstelligen Betrag oder einen kleinen sechsstelligen Betrag investieren? Eigentlich egal, denn das kann sich ja kein normaler Mensch leisten. Die FDP ist ziemlich teuer, es sei denn man ist Milliardär oder Konzern. Da bekommt der einst von Klaus Kinkel geprägte Begriff von der Partei der Besserverdienenden eine ganz neue Bedeutung.
Aber das soll uns nicht davon abhalten, die FDP für uns zu gewinnen. Die Strategie ist genial einfach: Wir alle geben der FDP etwas. Jeder einen Euro. Bei 82 Millionen Einwohnern kommt da hübsch etwas zusammen, selbst wenn Rentner, Studenten und Hartz-IV-Empfänger nur die Hälfte zahlen. Wenn da nicht hinterher wenigstens 40 Millionen Tacken auf dem Tisch des Thomas-Dehler-Hauses liegen, dann weiß ich es nicht. Und auf diese Weise werden wir allesamt FDP-Klienten, mit denen es sich die Partei lieber nicht verscherzen sollte.
Doch da kommt jetzt natürlich das zweite Problem auf. Wie leitet man einen solchen Betrag schnell und diskret weiter? Per Überweisung? Das ist bei den geringen Beträgen eher kompliziert und bringt der Partei auch Probleme in der Verwaltung. Dann eben bar, doch auch dies erscheint wenig praktikabel. Die meisten Wähler schicken ungern Euromünzen mit der Post, denn die Folge sind unschön ausgebeulte Umschläge. Da bleibt also nur ein Weg: Briefmarken. Die sind genau so viel wert wie draufsteht und man kann sie erfahrungsgemäß ausgezeichnet mit der Post schicken, wobei dann natürlich noch Porto fällig wird, das soll an dieser Stelle nicht unterschlagen werden. Eine Spende von einem Euro kostet dann in Wahrheit 1,55 Euro, außer man lässt die FDP das Porto bezahlen, was aber gerade in den gehobenen Kreisen der liberalen Stammwählerschaft als unschicklich und kleinlich gilt.
Dafür können Sie aber mit der Spendenmarke auch einen kleinen Wunschzettel beilegen. Auf meinem würde Folgendes stehen: „Als Parteispender der FDP bitte ich Sie, die Umsatzsteuer für alle Waren, die ich kaufen möchte, auf 3 Prozent abzusenken. Und bitte bauen Sie mir einen kleinen Flughafen, denn ich habe es satt, immer mit der S-Bahn rauszufahren. Danke.“ Fleißige Helfer in der FDP-Zentrale sortieren die Wünsche und erstellen eine To-Do-Liste. Andernorts heißt das „politisches Programm.“
Ihre Spende schicken Sie bitte an die FDP, Reinhardtstraße 14, 10117 Berlin. Sie werden sehen: Es lohnt sich. Wenn nur alle mitmachen.